Entwurzelt

7. November 2010, 17:15
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Der Umzug ins Winterquartier ist für alle Pflanzerln und ihren Gärtner kein Vergnügen - Und eine neue Hecke muss auch noch her, klagt Gregor Fauma

Pflanzen sind mobiler, als man glauben möchte. Sei es durch Ausläufer, Pollen- oder Samenflug, - oder durch sanft auf Wellen von Insel zu Insel schaukelnde Kokosnüsse. Und die aus Wildwestfilmen bekannten wehenden Büsche können sogar in Windgeschwindigkeit ihre Adresse ändern. Es gibt aber Pflanzen, die in der Nachrede stehen, ungern ihren Standort zu verändern. Sie bestrafen dies, befolgte man diesen Ratschlag nicht, mit Blühverweigerung, Laubwurf und Zwergenwuchs. Ich kann das bestätigen. Denn als Hofgärtner sind die meisten meiner Pfleglinge in zu kleinen Töpfen und mit zu wenig Substrat meinen spontanen Positionswechseln ausgesetzt. Was haben mich die tropischen Hibiskus diesbezüglich schon anschauen lassen ... nicht einmal drehen darf man die Biester, schon schmollen sie und werfen ihre geilbunten Blüten einfach ab. Nicht weniger Allüren behaftet ist die eingetopfte Schneerose Helleborus niger. Viel angerührter kann man sich gar nicht gebärden, aufs Schmollen hat sie ein Copyright.

Massiver Rückschnitt

Diesbezüglich bahnt sich nun ein Desaster für meine Pflanzen an, denn ich muss mit ihnen im Laufe des Herbstes den Bezirk wechseln. Manch eitle Rose wird sich zwar in der Gersthofer Cottage wohler fühlen als zuvor hier in Hernals und gierig die neuen Wurzeln in die frisch aufgeschüttete Erde strecken - andere wiederum werden mir das Umsiedeln so schwer wie nur irgendwie möglich gestalten. Eine heiße Kandidatin dafür wird bestimmt die hausbedeckend große, breit aufgefächerte Kletterrose sein, die mir ihren perfekten Standort (und den natürlich perfekten Schnitt) jedes Jahr mit einer überbordenden Blütenpracht dankt. Ich werde sie wohl auf Dopplersturmgröße zusammenschneiden müssen - die maßgeschneiderte Ritterrüstung für diese schmerzvolle Aufgabe ist bereits beim Spengler meiner Wahl in Auftrag. Nicht minder unterhaltsam, für andere, wird mein Versuch werden, den seit sieben Jahren stetig wachsenden Bambus Murielae auszugraben, und zwar nicht aus weicher, humöser Erde, sondern aus aufgehacktem Beton mit einem Lehm-Schotter-Ziegelgemisch. Das kann ja heiter werden. Dasselbe gilt für den picksüß duftenden Pfeifenstrauch, den leptosomen Perückenstrauch und leider auch für den Gelben Muskateller, der offensichtlich ein Spezialist für Bauschuttböden ist. Die neun Waldreben werden mir da hoffentlich weniger Zores machen, ich denke, der massive Rückschnitt auf ein Steckerl wird ihnen guttun. Es sind in Summe eh nur 105 einzelne Pflanzen, die vor einsetzendem Luft- bzw. Bodenfrost zum Teil ausgegraben, auf jeden Fall geschleppt und erneut, nach ausgewitztem, nämlich nicht vorhandenem Plan, ihr neues Winterquartier beziehen müssen. Das Hauptproblem sind aber nicht meine bereits vorhandenen Lieblinge, sie stellen auch im neuen Garten die Kür dar - sondern die erst zu planende, zu kaufende und einzusetzende Hecke, die elendige Pflicht. Wintergrün, blickdicht, bunt blühend, wenig raumgreifend, duftend - so einfach sind die Anforderungen an die grundstückbegrenzende Laubwand. Hat wer Tipps? Ich bitte darum. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/05/11/2010)

  • Auf Positionswechsel reagiert die eingetopfte Schneerose Helleborus mit Schmollen. Auch die Kletterrose ist über den Umzug nicht froh.
    foto: gregor fauma

    Auf Positionswechsel reagiert die eingetopfte Schneerose Helleborus mit Schmollen. Auch die Kletterrose ist über den Umzug nicht froh.

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