"Nicht Träume anderer träumen"

29. Oktober 2010, 16:52
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Andrea und Stefano sind die Söhne von Diesel-Chef Renzo Rosso - Der eine ist der Designer von 55 DSL, der andere für Kooperationen zuständig - Zwei Kronprinzen über Jugend und Zukunft

Andrea und Stefano sind die Söhne von Diesel-Chef Renzo Rosso. Der eine ist der Designer von 55 DSL, der andere für Kooperationen zuständig. Zwei Kronprinzen über Jugend und Zukunft.

DER STANDARD: Ein 30-Jähriger unterscheidet sich heute kaum mehr von einem 60-Jährigen. Wird Alter immer unwichtiger?

Andrea: Ja. Heute herrscht das Prinzip, dass man alles kombinieren kann - und das in jedem Alter. In der Musik ist es ganz ähnlich: Neue Stile sind meist nur eine Mischung aus alten.

DER STANDARD: In der Mode geht es immer auch um Distinktion. Wie unterscheiden sich die Generationen, wenn nicht über ihren Stil?

Stefano: Es ist eigenartig. Jeder will heute individuell aussehen, gleichzeitig sehen die Menschen immer ähnlicher aus. Jeder hat Zugang zum Internet, wenn in Tokio etwas cool ist, dann wissen wir das in Europa sofort. Soziale Gruppen, die einen bestimmten Lifestyle verfolgen, gibt es kaum mehr. Es ist wie mit einem iPod: Dort hat man alle Arten von Musik gespeichert, und man wählt jene aus, auf die man gerade Lust hat.

DER STANDARD: Verliert Mode dadurch an Bedeutung?

Stefano: Mode gibt keine Statements mehr ab. Vor zehn Jahren hat man mit einer Kollektion noch eine Sicht auf die Welt präsentiert. Die Menschen redeten darüber, man wurde noch Saisonen später kopiert. Heute ist das anders: Man macht eine Modeschau, und nach drei Wochen hängen ähnliche Modelle schon bei Zara und H&M.

DER STANDARD: Was bedeutet das für Modemacher?

Stefano: Dass niemand mehr etwas wagt. Die Designer vermanschen Trends und präsentieren zusammengewürfelte Kollektion. Sie gehen auf Nummer sicher!

DER STANDARD: Das widerspricht der Natur von Modeschauen.

Stefano: Wirklich innovative Marken machen derzeit etwas anderes: Sie investieren in die Entwicklung neuer Materialien, die nicht so einfach kopiert werden können. Nur durch Innovation und Qualität kann man sich von billigeren Anbietern unterscheiden. Bei Jeans arbeiteten wir bei Diesel zum Beispiel mit Mischungen aus Denim und Papier oder aus Denim und Carbon.

DER STANDARD: Diesel wird von eurem Vater geführt, er ist 55. Gibt es Auffassungunterschiede, die dem unterschiedlichen Alter geschuldet sind?

Stefano: Unser Vater ist sehr eigen. Er lebt zwar nicht das Leben eines 30-Jährigen, aber er versteht es. Und so jung sind wir auch nicht mehr. Wir führen zwar kein bürgerliches Leben, gehen aber auch nicht mehr jeden Abend auf eine Party.

DER STANDARD: Ihr schaut zwar ähnlich aus, scheint aber sehr unterschiedlich zu sein. Korrekt?

Stefano: Ich schaue mir eine Reihe von Hosen für zehn Sekunden an, Andrea zehn Minuten lang. Er denkt über Schnitte und Farben nach, ich über Strategien und Kosten.

DER STANDARD: Bezüglich der Nachfolge ist das geradezu ideal. In den meisten Modefirmen gibt es einen kreativen Part und einen kommerziellen.

Stefano: Außer bei einem Clubformat, das wir in Bassano di Grappa zusammen betreiben, haben wir eigentlich nie zusammengearbeitet.

Andrea: Ich glaube, das ist das erste Interview, das wir gemeinsam geben. Vielleicht war es der Masterplan unseres Vaters, dass wir solch unterschiedliche Interessen haben.

DER STANDARD: In Italien haben Familienbetriebe eine große Tradition. Überwiegen die Vor- oder Nachteile?

Stefano: Ich glaube, es gibt wenige Söhne oder Töchter, die in der Lage sind, das Werk der Eltern fortzusetzen. Den Traum eines anderen weiterzuträumen ist schwierig. Aber die gute Sache in unserer Familie ist, dass es bezüglich der Nachfolge keinen Druck gibt. Wir haben beide unsere Position in der Firma gefunden. Es gibt sehr viele Menschen, die eine Firma führen können.

DER STANDARD: Die Erwartungshaltungen in Italien sind andere.

Stefano: Das System in Italien ist so, weil die Familie so wichtig ist. Aber Diesel ist kein kleiner Handwerksbetrieb mehr, wir sind ein Riesenkonzern.

Andrea: Unser Vater hat uns gelehrt, unseren eigenen Weg zu gehen.

Stefano: Unsere Jugend war ziemlich normal. Wir sind in einer Kleinstadt aufgewachsen, waren auf einer öffentlichen Schule. Auf der anderen Seite waren wir viel unterwegs. Das hat uns einen breiten Horizont vermittelt - und gleichzeitig eine gewisse Bodenhaftung. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/29/10/2010)

Ihr Vater baute einen der größten Jeanskonzerne auf. Mittlerweile beinhaltet das Reich des Italieners Renzo Rosso auch Marken wie Maison Martin Margiela oder Dsquared.

  • Andrea Rosso (links im Bild) ist 33 und für die Designagenden bei Diesels Jugendmarke 55 DSL zuständig, Stefano (31) ist der Kopf hinter der Zusammenarbeit mit Adidas.
    foto: irina gavrich

    Andrea Rosso (links im Bild) ist 33 und für die Designagenden bei Diesels Jugendmarke 55 DSL zuständig, Stefano (31) ist der Kopf hinter der Zusammenarbeit mit Adidas.

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