Es wird ein Design sein

23. September 2010, 17:28
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113 Programmpunkte an 60 Locations - das kann doch nur die Vienna Design Week sein - Von 1. bis 10. 10. wird Wien wieder zum absoluten Designnabel - Aus diesem Anlass fragte Michael Hausenblas zwölf Personen aus der Welt der Gestaltung, welches Objekt für sie typisch wienerisch ist

Konstantin Grcic - Der Zeitungshalter

Für mich hat die Wiener Kaffeehauskultur und das damit verbundene Zeitungslesen etwas typisch Wienerisches. Ich find es schön, dass der Besucher aufgefordert wird, Zeitung zu lesen und somit länger zu verweilen. Das gibt es nicht in vielen Städten. Im Gegenteil, man wird eher zum Konsumieren verpflichtet und soll so bald wie möglich wieder gehen. Die Zeitungshalter sind eine amüsante Angelegenheit. Im Prinzip sind sie gar nicht so praktisch, was das Lesen betrifft. Fast könnte man sie als umständlich bezeichnen. Man ist oft geschickter, wenn man die Zeitung frei in der Hand hält. Der Halter ist ein Sinnbild, das für mich auch Charme ausstrahlt. Charme, der zeigt, dass nicht immer alles ganz rational sein muss.

Konstantin Grcic ist einer der international gefragtesten Designer. Er gestaltete unter anderem für Magis, Flos, Plank, Established & Sons, Authentics oder Moroso. Anlässlich der Vienna Design Week wird er im Rahmen der "Talks" am 9. 10. um 19 Uhr zum Thema "Why Design?" sprechen. Ort: Künstlerhaus Kino, Akademiestraße 13, 1010 Wien.
www.konstantin-grcic.com
www.viennadesignweek.at


Martin Walde - Frankfurter Würstel

Frankfurter Würstchen und die verwirrende Geschichte um ihren Namen sind für mich ein typisches Stück Wiener Objekt-Geschichte. Wobei es mehrere Typen von typisch gibt. Die echten Frankfurter sind angeblich auf den aus Frankfurt stammenden Johann Georg Lahner (1772 bis 1845) zurückzuführen. Dieser verkaufte diese erstmals im Jahre 1805 in der Wiener Neustiftgasse. Wahrscheinlich sind die Frankfurter ein noch größerer Welthit als der Walzer, auf jeden Fall ein größerer Exportschlager als die Sachertorte. Bei den Namen Wiener bzw. Frankfurter Würstel fällt mir natürlich auch das Wiener Schnitzel ein. Das ist ja eigentlich ein Mailänder Schnitzel.

Martin Walde ist bildender Künstler. Er war auf der Biennale in Venedig, auf der documenta X, im Marta Herford Museum und bei vielen weiteren internationalen Ausstellungen vertreten. Im Rahmen der Vienna Design Week stellt er gemeinsam mit Lois Weinberger, Erwin Wurm, Esther Stocker u. a. unter dem Titel "ak7 - Contemporary Design by Contemporary Artists" im quartier 21 im Museumsquartier Wien aus. (www.quartier21.at). Noch mehr Arbeiten des Künstlers gibt es derzeit bei einer Schau in der Wiener Galerie Krinzinger zu sehen.


Neigungsgruppe Design - Mistkübel

"Lasch" ist ein wunderbarer Ausdruck im Wienerischen für mangelnde Entscheidungsfreudigkeit und Haltung. In der Raucher/Nichtraucher-Frage treibt das nicht nur in einigen der - einst - besten Kaffeehäusern zu architektonischen Verzweiflungstaten aus, auch im öffentlichen Raum zeigt sich: Wir sind bereit, Gutes durch Schlechteres zu ersetzen, wenn es davor schützt, Menschen in ihrer Gemütlichkeit einzuschränken. Von Luigi Blau gab es wunderbar elegante Mistkübel - ohne integrierten Aschenbecher, das war damals noch die Straße. Damit nun die Zigaretten nicht im Mistkübel weiter glosen, aber auch nicht auf der Straße landen, wurde ein Modell transformiert, bis ihm sogenannte Aschenohren wuchsen. Und so vermittelt die Stadt nun prägnant an jeder Ecke: Wien, hier raucht man noch wie ein Schlot! Und Gestaltung geht dabei in Rauch auf.

Die Neigungsgruppe Design wurde 2006 von Tulga Beyerle, Thomas Geisler und Lilli Hollein als unabhängige Initiative gegründet, mit dem Ziel, die Wahrnehmung von Design in Österreich zu schärfen. Nach der ersten Vorstellung der Passionswege im Jahr 2006, entwickelten die drei Kuratoren die Vienna Design Week, die seither jährlich stattfindet.
www.neigungsgruppe-design.org
www.viennadesignweek.at


Evamaria Schmertzing-Thonet - Oper und Sacher-Eck

Was es nur in Wien gibt, ist eine Kombination wie die von Oper und Sacher-Eck. Die ultimative Liebe der Wiener zur Musik - geschätzte 11.000 Menschen hören täglich irgendein Konzert in Wien - ist etwas ganz Besonderes. Wenn man dann nach der Oper noch den Blick auf eine der zentralen Achsen der Stadt genießen kann, ist das einzigartig. Ob es ein Wiener Design gibt? Es gab eines. Weltbekannt war dies von 1900 bis 1935. Ich denke dabei an Namen wie Wagner, Loos, Hoffmann, Kolo Moser, Thonet, J & L Kohn, Hagenauer, Prutscher und viele mehr.

Evamaria Schmertzing-Thonet trat mit 21 Jahren in die Firma Gebrüder Thonet Vienna ein. 1995 wurde das Unternehmen verkauft. 1998 wurde sie Geschäftsführerin der Viktor Steinwender GmbH, die sie 2004 kaufte. Das Unternehmen unterhält zwei Einrichtungshäuser in Wien und Graz.
www.viktorsteinwender.at


Jasper Morrison - Brötchen von Trzesniewski

Bereits 1902 eröffnete der Krakauer Francisek Trzesniewski eine Imbissstube in Wien. Abgesehen davon, dass die typischen Brötchen alle wundervoll schmecken, beeindruckt mich, dass dieser Ort wie eine Maschine funktioniert. Man steht an dem Tresen, kauft eine Wertmarke für ein winziges Glas Bier, wählt sein Sandwich und bewegt sich dann an einen kleinen Stehtisch. Wahrscheinlich ist dieser Ort das früheste und sicher beste Beispiel für ein modulares System, Menschen zu verköstigen. Das ist Fastfood, das es schon gab, lang bevor man eine Idee von diesem Begriff hatte.

Der Londoner Jasper Morrison zählt zu den einflussreichsten Industriedesignern der Welt. Er gestaltete unter anderem Möbel, Elektrogeräte, Straßenbahnen, Tischware, Türgriffe und vieles mehr für Auftraggeber wie Alessi, Cappellini, Rowenta, Sony, Rosenthal.
www.jaspermorrison.com


Stefan Sagmeister- CD-Cover von Elisabeth Kopf

Wienerisch ist für mich das blaue "special edition Vienna Art Orchester"-CD-Cover. Zum einen ist es wienerisch, weil es von der Designerin Elisabeth Kopf fürs Vienna Art Orchester gestaltet wurde.
Zum anderen, weil die Verpackung beim Aufmachen Noten spielt, deren Herkunft wiederum auf das Vienna Art Orchester hindeuten. Bei der Vorstellung spielte das Orchester ein Stück live nur unter Verwendung des Covers als Musikinstrument. Die Verpackung macht die Musik, die sie verpackt - eine angenehme Wiener Schlaufe. Allgemein zu der Frage, ob es eine Art "Wiener Design" gibt, möchte ich sagen: Angeregt durch die wunderbare Tradition der Secession sitzt das Design in dieser Stadt näher bei der Kunst als anderswo. Dem Kokoschka war's nicht so wichtig, ob er ein Gemälde oder ein Poster gestaltet, Hauptsache, es war gut.

Stefan Sagmeister gründete 1993 sein New Yorker Studio Sagmeister Inc. und zählt international zu den renommiertesten Grafikdesignern. Er entwarf unter anderem für die Rolling Stones oder das Guggenheim Museum und heimste neben unzähligen anderen bedeutenden Preisen zwei Grammys ein. Anlässlich der Vienna Design Week spricht er am 1. Oktober um 19 Uhr im Künstlerhaus Kino im 1. Bezirk zum Thema "Why Design?" Ferner hat er das Buch "New Vienna Now" für departure gestaltet, das im Anschluss an seinen Vortrag präsentiert wird.
www.sagmeister.com
www.viennadesignweek.at


Alexander von Vegesack - Das Wiener Kaffeehaus

Ich mag die Kultur der Wiener Kaffeehäuser. Sie sind der Ausdruck einer Kultur der Langsamkeit, des Genusses und der Kommunikation. Sie stehen für ein Leben, in dem sich Öffentlichkeit und Intimität nicht ausschließen. Ganze Literaturwerke wurden hier geschrieben. Sogar einige Ikonen des modernen Möbeldesigns wurden dafür entworfen, beispielsweise der Stuhl für das Café Fledermaus von Josef Hoffmann oder der Stuhl für das Café Museum von Adolf Loos.

Alexander von Vegesack gründete 1989 zusammen mit dem Möbelproduzenten Vitra das Vitra Design Museum, das er seither als Direktor leitet. Zuvor war er freiberuflicher Kurator und Sammler industriellen Möbeldesigns und richtete unter anderem das Thonet Museum in Boppard am Rhein ein und beriet internationale Museen. Er organisierte unter anderem Ausstellungen in Paris für das Centre Georges Pompidou sowie für das Musée d'Orsay.
www.design-museum.de


Matali Crasset - Heizanlage von Otto Wagner

Ich kenne Wien aus der Zeit von vor 25 Jahren. Man könnte sagen, Wien war damals eine schlafende Schönheit. Es schaut aus, als wäre die Stadt inzwischen neu geboren worden. Ich habe in dieser Stadt rastlos alles Mögliche besichtigt und war ergriffen von Otto Wagners Postsparkasse. Seine dortige Heizungsanlage im Kassensaal ist ein Meilenstein in Sachen Einfachheit und Zeitlosigkeit. Sie ist ein Symbol für ein goldenes Zeitalter der Kreativität.

Matali Crasset stammt aus Chalôns-en-Champagne und zählt zur Top-Riege des französischen Designs. Zu ihrer Kundenliste zählen Unternehmen wie Alessi, Artemide, Dornbracht, Edra oder Swarovski. Bekannt wurde die experimentierfreudige Gestalterin durch ihre Objektdesigns ebenso wie durch ihre künstlerischen Rauminstallationen oder ihre Inneneinrichtung des Hi Hotel in Nizza.
www.matalicrasset.com


Verena Formanek - Das Achtelglas

Das Wiener Achtelglas, nach all meinen Jahren in der Schweiz, wo ich immer nur zaghaft, "bitte noch ein Einerle" über die Lippen bringe, ist für mich bis heute "wienerisch". Es repräsentiert Maßeinheit, Tradition und Lebensgefühl. Bis heute wird es - variiert in der Form - produziert, und das hat seinen Grund. Es ist Bestandteil der Wiener Kultur. Ein kühler Weißwein beziehungsweise noch ein letztes "Achtel" in diesem handlichen kleinen Glas - davon kann ich in Abu Dhabi nur träumen.

Verena Formanek lebt zwischen Wien, Zürich und Abu Dhabi und leitet das Großprojekt des Guggenheim Abu Dhabi Museum auf der Kulturinsel Saadiyat. Sie ist Mitbegründerin der Wiener Galerie V & V und wechselte nach langjähriger Tätigkeit am MAK nach Basel für die Fondation Beyeler. Bis 2009 war sie Sammlungsleiterin im Museum für Gestaltung Zürich.


Alison Clarke - Kristallluster von Oswald Haerdtl

Oswald Haerdtls Kristallluster, ich denke, er stammt aus dem Jahr 1954, schwebt hoch über den Köpfen im Café Prückl im ersten Bezirk. Man könnte ihn als Testament dieses ganz speziellen Wiener Designs bezeichnen. Nur in Wien verwandelte ein Designer die Form des ultimativ bürgerlichen Accessoires , eben eines Kristalllusters, in ein modernes Objekt. Einerseits Riesen-Heiligenschein, andererseits Ufo, verbindet dieser Luster die zwei Hälften des Wiener Designs im 20. Jahrhundert. Die Formgebung des Lusters ist untrennbar verbunden mit dem Einfluss der Wiener Design-Aristokratie zur Jahrhundertwende. Aber diese Wagenrad-förmigen Luster zeigen auch ein Nachkriegswien, in dem die kommerzielle Kultur in Form von Geschäften, Restaurants und Cafés als Gegensatz zu den verlorenen Utopien der Moderne einen neuen Optimismus bringen.

Alison Clarke stammt aus Cambridgeshire, England. Sie ist Professorin für Designgeschichte und -theorie an der Universität für angewandte Kunst in Wien und wissenschaftliche Leiterin der Victor J. Papanek Stiftung. Ihr neues Buch, "Design Anthropology: Object Culture in the 21st Century", erscheint diesen Herbst im Springer Verlag. Sie gestaltet Beiträge für die BBC-Fernsehserie "The Genius of Design" und ist Redakteurin des internationalen Magazins "Design, Architecture & Space".


Dieter Hofmann - Spielmöbel Tukluk

Als Veranstalter der Designmesse "Blickfang" durfte ich Wien von Anfang an von der Designseite her kennenlernen. Ich finde, dass sich das Design aus Wien durch etwas sehr Eigenwilliges auszeichnet. Es ist jung, frisch, unkonventionell, experimentell, spielerisch und vor allem oft auch mit einer ganz eigenen Prise Humor. Exemplarisch hierfür stehen für mich etwa das Team von breadedEscalope oder Tukluk.
Tukluk hat sich erstmalig mit seinem Kindermöbel auf der "Blickfang" in Wien im Jahre 2008 präsen- tiert. Tukluk hat den "Blickfang" Designpreis gewonnen und nicht nur Kinderherzen mit seinem Möbel begeistert.

Dieter Hofmann studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seit rund 20 Jahren veranstaltet er mit seiner eigenen Firma und seinem TeamTeam die Designmesse Blickfang an mehreren Standorten. Die Blickfang Wien findet heuer von 15. bis 17. Oktober im Museum für angewandte Kunst statt.
www.blickfang.com


Gregor Eichinger - Ring von Ring King

Ich kenne den Designer dieses Rings, Max Grün, auch Ring King genannt, aus dem Kaffeehaus, wo er dieses Schmuckstück mit dem Namen "Monkey black diamond Song limited edition" entworfen hat. Es ist sehr interessant, dass aus diesem Zustand der Entspanntheit Produkte entstehen. Mir gefällt außerdem die Parallele, dass der Affe in Form eines Ringes auf seine Art auch ein "kleiner Schwarzer" ist. Der Ring King taugt mir auch, weil er einen anderen Auftritt hat und, wie gesagt, die Stadt ganz bewusst benützt, um Dinge entstehen zu lassen. Was Wiener Design betrifft, möchte ich vor allem das Wiener Grafikdesign hervorheben, das als eine Art Speerspitze fungierte. Ansonsten bin ich überzeugt, dass es ein Wiener Design mit einem gemeinsamen Background gibt, aber dieser ist nicht mehr so explizit, wie er vor 100 Jahren war. Ich glaube, auch das Selbstbewusstsein dieser Szene ist noch nicht so groß, wie es hier einmal war.

Der Architekt Gregor Eichinger lehrt seit 2004 an der ETH Zürich. Er entwarf (zum Teil mit Christian Knechtl - Eichinger oder Knechtl) die Cocktailbar "First Floor", das Blumengeschäft "Blumenkraft", die Fotogalerie "Westlicht", das Modegeschäft "Song", das Restaurant "Österreicher im MAK" und vieles mehr.
www.eovienna.at

Porträts: Zajc und Zündel, Tibor Bozi, Rainer Iglar, Vitrta Design Museum, Benjamin Chelly, Suki Dhanda, Ints Kalnins Reuters, Steinwender, Blickfang, Max Roth, Aleksandra Pawloff, Umberto Romito
Fotos: Klaus Fritsch, Tukluk

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