Der Android aus der Zukunft

5. August 2010, 16:30
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US-Künstlerin Janelle Monáe führt die Geschichte des Afrofuturismus mit einem aus jedem Rahmen fallenden Popalbum fort

Janelle Monáe ist 24 Jahre alt und wird als zumindest mit der derzeit die Popwelt dominierenden Lady Gaga vergleichbare Größe gehandelt. Die aus Kansas City stammende Frau aus einfachen Verhältnissen hat dabei den ganz großen Popentwurf alter Schule im Auge. Beeinflusst von Fritz Langs Filmklassiker von 1927, veröffentlichte sie bereits 2007 ihr Albumdebüt Metropolis, das unter der Patronanz von Sean "P. Diddy" Combs schnell einmal als Zukunftsoption im kriselnden Genre eingestuft wurde. Der sich abzeichnende Welterfolg des aus historischen Versatzstücken gespeisten Debüts wurde allerdings vom globalen Triumphzug besagter Lady Gaga unterbrochen.

Mit der konzeptuellen Fortsetzung von Metropolis, dem barocken Album The ArchAndroid - Suites II and III, setzt Jeanelle Monáe nun ihre stilsprengende retrofuturistische Saga einer weit, weit in der Zukunft im Jahr 2719 angesiedelten Geschichte um Janelle Monáe beziehungsweise den aus ihrer DNA geklonten Androiden Cindi Mayweather fort. In Folge wird es etwas kompliziert, bietet aber für Freunde des Afrofuturismus prächtiges Forschungsmaterial, da Jeanelle als Wesen aus der Zukunft von genetischen Code-Räubern durch einen Zeittunnel zurück in unsere Gegenwart verfrachtet wurde, die sie nun in einer Verwahranstalt für durchgeknallte Künstler verbringen muss.

Hinweise auf die afroamerikanische Diaspora, den Exodus aus der alten Heimat Afrika und den Afrofuturismus finden sich in den 18 Stücken des neuen Albums zuhauf.

Große schwarze Künstler von Duke Ellington herauf über James Brown, Stevie Wonder und Prince bis zum Technoprojekt Drexciya werden von Jeanelle Monáe ebenso zitiert, wie sich die ehemalige Schauspiel- und Musical-Studentin auf Walt Disney und Salvador Dalí bezieht. Der Zauberer von Oz trifft auf Mary Poppins - und Fritz Lang liefert die dazugehörige Bühnenarchitektur.

Lässt man all diesen Zinnober einmal beiseite und widmet sich ausschließlich dem gebotenen musikalischen Material, wird auch der eilige Hörer reich belohnt. Mit kräftiger, zwischen Mädchen und Troll wandelbarer, oft auch effektverfremdeter Roboter- und Androiden-Stimme brettert Janelle Monáe durch die Popgeschichte. HipHop wird mit Musical und Swing kurzgeschlossen. Rockgitarren bratzen in die Songs, Gershwin und Rachmaninow erklingen in technoiden Zwei-Minuten-Symphonien. Jazzinduzierter Lounge-Sound und der Neosoul einer Erykah Badu treffen auf die Latin-Soli eines Carlos Santana. Barry Manilow schickt eine Postkarte von der Copa Cabana. Bisweilen droht das ganze mit hochartifiziellen Arrangements behübschte Konstrukt in seinen Grundfesten erschüttert zu werden. Am Ende aber geht sich alles aus.

Pink Floyd und der Major Tom lassen ebenfalls zwischendurch Hallräume wie astrale Geisternebel erscheinen. Eine Spacerockhymne verbindet die 1960er-Jahre mit dem dritten Jahrtausend. Ein Song wurde laut Künstlerin gar von Jack Whites Schnurrbart inspiriert.

Möglicherweise sind die im Vergleich entschieden einfacher gehaltenen Popentwürfe der Lady Gaga auf lange Sicht das im Diskont leichter absetzbare Produkt.

Dem keine Grenzen und Genierer kennenden maßlosen Ansatz der Janelle Monáe kann in diesem Popjahr allerdings wenig entgegengehalten werden. Kaum zu glauben, dass hier eine 24-jährige Künstlerin am Werk ist. Janelle Monáe ließ anlässlich des Erscheinens von The ArchAndroid verlautbaren, dass zu jedem dieser Stücke ein eigenes Video erscheinen werde. Die Youtube-Gemeinde darf sich also bald auf eine Stunde Star Wars in der Disco freuen. Pop als Großereignis. Man darf gespannt sein, ob sich das auch kommerziell ausgehen wird. (Christian Schachinger, RONDO - DER STANDARD/Printausgabe, 06.08.2010)

Janelle Monáe - The ArchAndroid - Suites II and III (Bad Boy Wondaland/Warner). Jetzt im Handel

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    Janelle Monáe

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