Göttlicher Glibber

29. Juli 2010, 17:20
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Dieser Sommer gehört dem Wackelpudding - zumindest auf den Sommerpartys der Londoner Society

Severin Corti befragte die "Jellymonger" Sam Bompas und Harry Parr, wie sie aus der altbackenen Götterspeise ein Trenddessert machten, das mittlerweile ganz ernsthaft als moderne Kunst gelten darf.

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Sie drückten mit den britischen Prinzen William und Harry die wohl exklusivsten Schulbänke von überhaupt (Eton College, Cutaway als Unterrichtskleidung), jetzt machen sie Wackelpudding. Damit wurden Sam Bompas und Harry Parr zu Stars, die in angesagten Kunstgalerien und Museen herumgereicht werden und die feinsten Partys der Insel mit ihren Kreationen aufputzen. Irgendwie können die beiden noch immer nicht fassen, dass ausgerechnet der feuchte Glibber, den über Jahrzehnte allerhöchstens Kleinkinder als Dessert akzeptierten, ihr "claim to fame" werden sollte: "Vor ein paar Jahren haben wir bei einer Dinnerparty aus Jux und Tollerei ein Gelee aus Schwarzen Ribiseln zur Nachspeise gereicht", erzählt der 25-jährige Sam von den Anfängen, "die Gäste waren von den Socken".

Da dämmerte den Schulfreunden, dass sich aus dem kühlen Glibber vielleicht eine Business-Idee basteln ließe. Parr und Bompas recherchierten in alten Aufzeichnungen und Kochbüchern und entdeckten, dass "jelly", wie der Wackelpeter auf gut Englisch heißt, schon früher einmal als "must have" auf den Festen der besseren Gesellschaft gegolten hatte - erst unter Heinrich VIII. (bekanntlich auch sonst alles andere als ein Kostverächter) und zuletzt in viktorianischer Zeit: "Damals galt Jelly als Inbegriff nobler Tafelfreuden", erklärt Sam Bompas, "statt Blumen wurden oft Gelees in wild geschwungenen Formen als Tischschmuck verwendet".

Alkohol potenziert das Aroma

Freilich erwiesen sich die Rezepte nur selten als mit zeitgemäßen Geschmacksvorstellungen kompatibel, weshalb die "Jellymonger" (so der Firmenname) bald eigene Kreationen entwickelten. Dass neben Früchten Alkohol fast immer eine tragende Rolle spielt, ist durchaus kein Zufall - und wohl mit ein Grund für die gewaltige Karriere, die die beiden in den vergangenen Jahren erleben durften: "Alkohol potenziert das Aroma, er verleiht den Kreationen geschmackliche Tiefe", sagt Parr, "davon abgesehen, geht mit Alkohol alles ein bisschen leichter". Na dann.

Eine Kreation, mit der sie erstmals Sponsorengelder in größerem Umfang lukrieren konnten, war ein Gelee auf Basis von Gin & Tonic, das im Rahmen eines von Hendrick's Gin organisierten Events präsentiert wurde: Beim Servieren des Desserts wurde die Beleuchtung ausgeschaltet und durch UV-Licht ersetzt. Weil Chinin, ein Tonic-Bestandteil, unter UV-Einfluss fluoresziert, leuchtete der hochgeistige Schwabbelpudding in blauem Licht - ein ziemlicher Showstopper. Inzwischen gehören prickelnde Champagnergelees mit frischen Früchten ebenso zum Repertoire der Wabbelköche wie grün schimmernde Absinth-Kreationen (siehe Bild oben rechts, mit Glasaugen-Garnitur) oder gefährlich hochprozentige Mai-Tai-Wackler.

Weil antike Kupfermodeln ("Porzellan eignet sich nur im Notfall", so Parr) bisweilen astronomische Preise erzielen, verlegten sich die beiden bald darauf, eigene Formen zu designen und mittels 3-D-Printers auszudrucken, wobei ihnen die Erfahrung Parrs als gelernter Architekt zugutekommt. Dass dabei eindeutig zweideutige Motive eine wesentliche Rolle spielen, erklärt sich wohl einerseits aus dem Umstand, dass Engländer am Werk sind, anderseits aber aus dem Medium selbst: Das animierende Wackeln und erwartungsvolle Vibrieren solcher Kreationen weckt nun einmal erotische Assoziationen.

Fluoreszierende Gelees

Dabei sind die jungen Herrschaften durchaus auch mit Ernst bei der Sache: Für eine Ausstellung im Londoner University College konnten sie gar Architekten von Weltruhm wie Norman Foster oder Richard Rogers gewinnen, Geleemodeln nach den Vorbildern ihrer Bauten zu designen. Für das San Francisco Museum of Modern Art gestalteten Bompas und Parr eine Ausstellung fluoreszierender Gelees in Formen, die sich an historischen Grabmälern orientierten, womit sie sich endgültig auch als "seriöse" zeitgenössische Künstler etabliert haben dürften. Der britische Independent reihte sie jedenfalls unlängst unter jene "15 Leute, die die Zukunft der Kunst in Großbritannien definieren werden". So schnell kann's gehen - man muss es nur richtig wackeln lassen.

Jetzt ist auch ein entsprechendes Kochbuch erschienen, dank dessen die Götterspeisen einem breiteren Publikum zugänglich werden. Bompas & Parr widmen sich darin eingehend der Geschichte des lustvollen Wabbelns und betonen, wie wichtig die richtige Dosis Gelatine ist: Ein klein bisschen zu wenig , und die Kreation sackt formlos in sich zusammen, um an eine charmelose Autokarosserie (Ford Sierra? Toyota Prius?) zu erinnern. Etwas zu viel - und der Wackelpudding wird zu Gaumenbeton, statt sich der Zunge lustvoll schmelzend hinzugeben. Dass es Gelatine sein muss, die seit der BSE-Krise aus Schweineschwarte gewonnen wird, steht für die beiden außer Frage: "Mit Gelatine sehen die Puddings unvergleichlich viel besser aus, sie glitzern schön und schwabbeln um Eckhäuser besser als mit Agar-Agar oder Carrageen." Es gibt wertvolle Tipps, wie sich das Prickeln von Champagner oder - auch nicht schlecht - Coca-Cola, in gelierter Form erhalten lässt. Nur die wirklich scharfen Modeln muss man sich wohl selbst einfallen lassen. Im Internet, so Parr, könne man aber durchaus witzige Formen finden. Und mit etwas Fantasie ließen sich allerhand Behältnisse für die Konfektion animierender Wackelpuddings adaptieren, meint Harry Parr. Woran er da zum Beispiel denke? "Puh, keine Ahnung, das Mundstück einer Baby-Nuckelflasche sieht doch richtig scharf aus!" (Severin Corti/Der Standard/rondo/30/07/2010)

>>>Zur Ansichtssache:  Wabbelbankett

  • Foto: Chris Terry aus dem Buch "Jelly" von Bompas & Parr, www.anovabooks.com
    fotos: chris terry aus dem buch "jelly" von bompas & parr, www.anovabooks.com

    Foto: Chris Terry aus dem Buch "Jelly" von Bompas & Parr, www.anovabooks.com


  • >>>Zur Ansichtssache:  Wabbelbankett
    foto: chris terry aus dem buch "jelly" von bompas & parr, www.anovabooks.com

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