Lauter Mimosen

31. Jänner 2010, 17:47
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Tropische Mitbringsel wie die abgebildeten können es ordentlich in sich haben, berichtet Ute Woltron

Gerne hätten wir Ihnen das Foto jenes Bäumchens gezeigt, das einem der hier abgebildeten, vom Urlaub mit nach Hause genommenen Samen vor ein paar Jahren entsprossen war. Einem der braunen Samen, um präzise zu sein. Die Schnecken und die hübscheren roten Samen haben wir nämlich nur zu Dekozwecken dazugelegt, damit das Foto nicht fad wird.

Doch zurück zur Sache: Wie gesagt, gerne hätten wir's Ihnen gezeigt, doch das war leider weder uns noch besagtem Bäumchen gegönnt. Denn es ist gerade von uns gegangen.

Dieses Gewächs, man sollte es eher als Strauch bezeichnen, war zu seiner Zeit wirklich wunderhübsch anzuschauen gewesen: Übermannshoch. Sehr zierlicher, verzweigter Wuchs. Die Blätter ganz fein gefiedert wie weiche Federn eines exotischen Riesenvogels.

Und - das Beste - am Abend pflegte diese botanische Persönlichkeit so pünktlich schlafen zu gehen, wie es die Hühner mit Einbruch der Dämmerung tun. Das kapriziöse Gewächs klappte mit dem letzten Sonnenstrahl anmutig seine Federblättchen ein und sank mimosenhaft in etwas, das man von der Rolle des Betrachters aus tatsächlich nur als Schlaf bezeichnen kann.

Derjenigen, die das Geschöpf als Samen von einer der schönen Inseln des Indischen Ozeans mitgebracht und sorgfältig großgezogen hatte, lag das Mimosenpflänzchen besonders am Herzen, wie man so schön sagt. Das äußerte sich zum einen in einer hingebungsvollen Pflege, zum anderen in wehrhafter Verteidigung gegen alle Unbilden der hiesigen und dem Pflänzchen selbstredend so gut wie in jeder Hinsicht feindlich gesonnenen Umwelt.

Kalte Luftzüge in geringsten Dosen

"Tür zu! Aber dalli!", lautete fortan resch die Begrüßungsformel derjenigen, die das Pflänzchen hütete, sofern man den Übermut besaß, sie winters zu besuchen. Denn kalte Luftzüge in geringsten Dosen bekamen der Mimose nicht. Die ließ tatsächlich sofort alles fallen, was sie zuvor neckisch an Blattgefieder gespreizt hatte.

Wer dann beispielsweise süffisant angesichts ihrer Kahlstellen fragte, ob die Pflanze denn gerade in der Mauser sei, wurde kalt schweigend der Tür verwiesen. Das Rauchen in ihrer Nähe war sowieso komplett untersagt.

Kurzum: Die Mimose hatte die Sippschaft derjenigen, die sie gezogen hatte, ziemlich im Griff. Wenn sie verreiste, bekamen die zum Blumengießen Gedungenen genaueste Anleitungen darüber, wann, wie, womit und mit welcher Gießgeschwindigkeit und gemurmelten Beschwörungsformeln die Mimose zu tränken sei.

Den Leihgießern brach regelmäßig der kalte Schweiß aus, wenn sie abgefallene Blätter vorfanden, und sie vernichteten diese natürlich gründlich, bevor die Mimosenzüchterin heimkehrte, um, die Koffer fallen lassend, schnurstracks ihren Liebling ins Visier zu nehmen.

Ersoffene Pflanzenzicke

Letztens, es war familiäres Kaffeetrinken angesagt, war trotz strengen Frostes kein "Tür zu! Aber dalli!" zu hören. Wir warfen scheue Blicke um uns. Keine Mimose. Hätte man noch geraucht, hätte man das jetzt gedurft. Denn die Möglichkeit des Lüftens - sie war wieder gegeben. Wo die Pflanzenzicke sei, fragte der Beherzteste unter uns.

Der kühle Anflug dunkler Trauer schwebte kurz im Raum, dann erfuhren wir, dass die schöne Mimose nach dem letzten Urlaub zu fürsorglich und mit zu großen Wassergaben begrüßt und damit ertränkt worden sei.

Doch egal, fegte die Mimosenzüchterin jede aufkeimende Nostalgie hinweg, sie habe diesmal sicherheitshalber genügend Samen genau derselben Pflanze mitgebracht. Fünf davon hätten schon gekeimt. Bald würde alles wieder beim Alten sein. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/29/01/2010)

Tipp

Die große Familie der Mimosen - um genau zu sein handelt es sich um eine Pflanzengattung - umfasst sehr hübsche Familienmitglieder, die allesamt nicht ganz einfach zu ziehen sind. Sie sind mehrjährig, wachsen meist strauchartig und bilden Hülsenfrüchte. Aus Letzteren klaubt man als Tourist ihre Samen und versenkt sie zum Spaß daheim in geeignet scheinendem Substrat. Ein kleines Plastikhäubchen für den Glashauseffekt darüber gespannt - und nach wenigen Tagen keimt die Angelegenheit. Ist auf jeden Fall immer wieder einen Versuch wert, das Samenfladern in den Tropen. Weitere Grünzeug-Erfahrungsberichte könnten folgen.

  • Die selbstgesammelten, braunen Samen aus der großen Familie der Mimosen.
    foto: ute woltron

    Die selbstgesammelten, braunen Samen aus der großen Familie der Mimosen.

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