Und dann schnell ins Café!

17. Dezember 2009, 17:00
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Der Architekt Gregor Eichinger beauftragte Designer, sich mit der Tradition und der Zukunft des Wiener Kaffeehauses zu beschäftigen

Was dabei herauskam, sah und hörte Michael Hausenblas im Museum für angewandte Kunst.

Es muss ja nicht gleich die ganze Welt untergehen. Markieren wir einfach sämtliche Kaffeehäuser Wiens und drücken die Delete-Taste. So mir nichts, dir nichts Schluss mit Verlängertem, gemütlicher Zeitungslektüre, weit und breit kein grantelnder Kellner, es hat sich ausgestrudelt. Düstere Aussichten. So düster wie eine Location der derzeitigen Schau The Shape of the Café to Come im Mak: kaum Tageslicht, der Boden schwarz gestrichen, drei Sessel, eine Stahltüre. Die Szenerie im unteren Geschoß des Mak Design Space erinnert an einen Raum für Verhöre. Wäre da nicht der flache Bildschirm aus dem, gleich einem kleinen Wasserfall, buntes, lautes Kaffeehaustreiben fließt. Silbertabletts scheppern, Kaffeemaschinen gurgeln, die Stimmen der Besucher werden zu einem Soundteppich, der das alles unterlegt.

Dann spricht Manfred Staub, Boss des Café Sperl. Er erzählt von den Vorteilen weiblichen Service-Personals, erwähnt aber schon auch sogenannte Starkellner, die er gern für sein Café gehabt hätte. Der Zuseher erfährt, dass Melange und Co früher nach konsumierten Zuckerportionen abgerechnet wurden, wie das war mit dem Kartenspielen anno dazumal, dass die Diskretion von Kellnern höchstes Gut sei und so weiter und so fort. Die Interviews mit verschiedenen Inhabern alteingesessener Kaffeehäuser entstanden im Rahmen der Recherche von fünf Designerteams für die Schau The Shape of the Café to Come von Gregor Eichinger. Der ist Architekt, unterrichtet unter anderem an der ETH Zürich und legte in Sachen Gastronomie architektonisch Hand an Locations wie das Café Stein, das Restaurant Wrenkh oder das Österreicher im Mak. Er beauftragte die Designteams Dottings, Graulicht, Kim+Heep, Polka sowie Robert Rüf, sich mit einer neuen Hardware für Kaffeehäuser zu beschäftigen, basierend auf den formalen Protagonisten eines Cafés, also: Tisch, Sessel, Besteck, Lampe etc. Gefragt waren nicht Objekte, die den Sprung aufs Fließband schaffen sollen, sondern Dinge, die einen künftigen Spirit des Kaffeehauses spüren lassen könnten.

Sensible Art Objekte

Die Mission wurde erfüllt, um- und vorsichtig. Zu sehen sind keine futuristischen Ausreißer, die Gestalter gingen mit dem Staubwedel über das gedanklich verfestigte Klischee des Kaffeehauses und schufen auf sehr sensible Art Objekte, die betreffend DNS eindeutig den erwähnten Vorfahren zuordenbar sind.

Das Projekt Ausstellung zu nennen käme allerdings der Behauptung gleich, ein Paar Sacherwürstl wäre ein opulentes Festmahl. Das soll die Lust, auf einen Sprung ins Mak zu schauen, aber keinesfalls bremsen. Die Objekte selbst sind zwar nur als eine Art Prototypeninstallation und auf einigen Schautafeln auf wenigen Quadratmetern zu sehen, als Amuse-Gueule in Sachen Kaffeehauszukunft sind die Objekte und die Interviews allerdings ein echter Leckerbissen. Zu sehen gibt's zum Beispiel einen an Thonet angelehnten Sessel, dessen Rückenlehne gleich einem Lasso in die Luft geht, oder eine Art E-Book-Idee fürs Café, ein formal klassisch angehauchter Zeitungshalter, in dem die Tageszeitung allerdings elektronisch konsumiert würde. Das Objekt "Einspänner" bezieht sich auf eine Metallklammer, die, an der Kaffeehaustischunterkante angebracht, dazu dient, dort die Zeitung einzuklemmen, wenn Apfelstrudel und heiße Schokolade serviert werden und Platznot am Tisch herrscht.

Ignoranz der Wiener

Nachgefragt bei Gregor Eichinger, worin er die größte Gefahr für die Institution Wiener Kaffeehaus sieht, meint dieser: "In der Ignoranz der Wiener. Der Wiener glaubt immer, dass die Dinge sowieso bestehen bleiben. Das ist eine Art Selbsthypnose. Keiner geht hin, aber wenn dann etwas passiert, dann sagt jeder: ,Aber ich war doch eh Stammgast.'" Einen weiteren Beitrag, die Motivation zum regelmäßigen Gang ins Sperl, Weimar und Co anzuheizen, leistet Eichinger dann im oberen Stock des Design Space, wo ein weiterer Fernseher läuft. Hier gibt es eine komprimierte Fassung von Eichingers Vortrag "An Abstract of an Essay on the Origin of Coffeehouses and Varieties through Artificial and Natural Selection. Das Wiener Kaffeehaus – die Entstehung der Arten" zu hören. Den Vortrag hielt er anlässlich der Eröffnung der Schau. Darin berichtet der Architekt von bombastischen Showtreppen in Kaffeehäusern, die es längst nicht mehr gibt, zeigt Bilder von Eleganz, von Moden, denen das Café unterworfen war, und so weiter und so fort. Unter vielem anderen erfährt der Besucher, dass Adolf Loos' Café Museum mitunter als sehr nihilistisch, aber appetitlich, logisch und praktisch bezeichnet wurde.

Eichinger beschäftigt sich mit der Artenvielfalt des Cafés, mit seiner Entwicklungsgeschichte und will ferner darauf aufmerksam machen, dass diese Evolution weitergehen muss, wenn das Kaffeehaus überleben soll. Er selbst will sich diesbezüglich als Mittelsmann zwischen Tradition und Innovation verstanden wissen. Durch die Objekte, mehr aber noch durch die Interviews und den Vortrag Eichingers wird eine Sehnsucht danach spürbar, dieser vielleicht lebendigsten Wiener Tradition und Institution auf ihrem Weg in die Zukunft hin und wieder bewusster das Händchen zu halten. Ins Café Prückel, gegenüber dem Mak, ginge man nach einem Museumsbesuch vielleicht sowieso. Dieses Mal ist es ein Muss. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/18/12/2009)

"The Shape of the Café to Come", Mak Design Space, Stubenring 5, 1010 Wien. Bis 31. Jänner 2010.
Das Projekt entstand im Rahmen der Reihe "design > neue strategien" im Mak, einer Kooperation zwischen dem Museum und Departure. www.mak.at; www.departure.at

  • Entwürfe der Designerteams Dottings, Graulicht, Kim+Heep, Polka und Robert Rüf für die Schau "The Shape of Café to Come".
    foto: hersteller

    Entwürfe der Designerteams Dottings, Graulicht, Kim+Heep, Polka und Robert Rüf für die Schau "The Shape of Café to Come".

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