Geiler Bock

28. November 2009, 17:00
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Nicht alle Starkbiere dienen einem frommen Zweck, predigt Conrad Seidl

Kürzlich lud Bernard Rotman, der Chef der wohlsortierten Bierbar Les Douze Apôtres in der Straßburger Altstadt zu einer gar nicht sehr frommen Präsentation: "Das wird lustig, da geht es um Erotik und Bier, dich interessiert doch beides?", lautete die Einladung. Das sonst so biedere Lokal war mit Zeichnungen dekoriert, die handfest pornografisch waren - und das alkoholreiche Bier, das da ausgeschenkt wurde, hatte es auch in sich. Gebraut wird es von Marc-Paul Baise in der Mikrobrauerei Storig, weshalb es ganz harmlos "Baise Bock" heißen kann. Das bedeutet allerdings im Französischen "Fick-Bock", und die zugehörigen Bierdeckel lassen erkennen, dass es genau so gemeint ist. Dass dieses süße und stark aromatische Starkbier neben Hopfen, Malz und Wasser auch Ginkgo, Ginseng und das Aphrodisiakum Bois Bandé enthält, also nicht dem Reinheitsgebot entspricht, darf da als lässliche Sünde gelten.

Es ist allerdings Beweis, dass sich die Bedeutung des Bockbieres gewandelt hat. Einst galten die Bockbiere als der Trunk der Frommen. Und das kam so: Zu Zeiten, als der katholische Glaube noch ernster genommen wurde, hat man die Fastenzeiten auch strenger eingehalten. Da ging es nicht nur um die 40 Tage vor Ostern, sondern bis 1917 auch um die Adventzeit - und die Fastenregeln verlangten, dass man nicht oder zumindest nicht sättigend essen durfte. Allerdings galt: "quod liquidum non frangit ieiunium", dass also Flüssiges das Fasten nicht bricht.

"Flüssigen Brot"

So wurde ein gegenüber den üblichen Konsumbieren kräftiger eingebrautes Bier zum "Flüssigen Brot" der fastenden Christenheit. In den Klöstern, wo besonders streng gefastet wurde, gab es bis zu sieben "Zumessungen" von Starkbier pro Tag. Auch wenn die Zumessung nicht einer Maß Bier entsprochen haben mag: Man kann sich vorstellen, warum die Chorgesänge des Oster- und Weihnachtsfestkreises so fröhlich ausgefallen sind. Und es nährte wegen seines Alkoholgehalts und der hohen Restzuckermenge auch noch!

In unseren kirchenferneren Zeiten trinkt man das Bier ja eher um des Genusses wegen - im Zweifelsfall lieber etwas weniger, aber dafür mit intensiverem Geschmack. Der Baise Bock war übrigens sehr intensiv auf der süßen Seite. Moderne Böcke sind eher herb - wegen der leichteren Trinkbarkeit. Doch davon ein andermal. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/27/11/2009)

  • Hopfen, Malz und Wasser auch Ginkgo, Ginseng und das Aphrodisiakum Bois Bandé sind enthalten.
    foto: matthias cremer

    Hopfen, Malz und Wasser auch Ginkgo, Ginseng und das Aphrodisiakum Bois Bandé sind enthalten.

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