Gesundes Stinken

27. November 2009, 17:00
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Angeblich gibt es wenig Heilsameres als Rettich, also nehmen wir seinen Gestank in Kauf, rülpst verschämt Ute Woltron

Wir schon. Aber was ist mit den anderen? Das ist die Frage in Sachen Schwarzer Winter-Rettich, auch Radi genannt und unter dem botanischen Namen Raphanus sativus L. var. niger eingetragen.

Diese Frage stellt sich exakt dieser Tage, für den Fall, dass Sie das resche Kreuzblütengewächs brav im Juli gesät und in den vergangenen Wochen die Ernte eingelagert haben. Am besten in nicht zu grobem Quarzsand und in kühler, nicht zu trockener Umgebung: Eben so, wie es die Lehre des korrekten Einlagerns vorschreibt.

Doch was nun? Essen und dann für ein Weilchen in Klausur gehen und die Nächsten fliehen? Damit sie nicht flüchten? Denn wer bereits vor den bescheidenen Rülpserchen zurückschreckt, die der Genuss von vergleichsweise harmlosen Radieschen produziert, sollte den Radi sicherheitshalber fahrenlassen. Denn er stinkt wirklich infernalisch. Sowohl vor als auch nach dem Genuss.

Hochgeschätzte Rübe

Schuld am zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen, sich auch auf den Atem des Radi-Essers schlagenden Odeur dieser seit Jahrhunderten auch in der Medizin hochgeschätzten Rübe sind verschiedene schwefelhaltige Senföle. Doch unter anderem die machen den Rettich so gesund. Das behaupten jedenfalls Kräuterkundige bis hin zur vielzitierten Hildegard von Bingen. Sie empfiehlt den Rettich "starken und fetten Menschen", denn er "reinigt das Gehirn und vermindert die schädlichen Säfte der Eingeweide". Vielleicht wird der Bier-Radi deshalb so gerne auf dem Münchner Oktoberfest serviert.

Selbst Schriftsteller widmeten der starken Wurzel schon manchen Absatz. Dem Ungarn Pétér Nádas ging es in seiner Rettich-Passage in Geheime Gesellschaften allerdings eher um Olfaktorisches als Gedärmreinigendes:

"Der alte Kellner zog in dem einst sicherlich äußerst vornehmen Hotel den Gestank des schwarzen Rettichs gleichsam mit sich, als er mit ihm zwischen den mit weißem Damast gedeckten Tischen und den vereinsamt gähnenden, alten, samtenen Kanapees hindurch schritt. Würde man diesen Duft zu klassifizieren versuchen, wäre er zwischen abgestandener Babykacke und frischem Soldatenfußgeruch anzusiedeln. Beißt man jedoch in den Rettich hinein, ist er samt seinem Gestank sehr wohlschmeckend."

Roh und in feinen Scheiben

Genau, und deshalb essen wir ihn trotzdem. Am besten roh und in feine Scheiben geschnitten, die in gesalzenem Zustand ein bisschen rasten und schwitzen sollten, bevor sie genüsslich in den Zustand der Verdauung und damit Gasbildung versetzt werden. Grünzeugseits noch nicht getestet, aber demnächst einen Versuch wert ist folgender Rat der alten Hildegard:

"Wer aber Rettich isst, der esse nachher Galgant, und dies unterdrückt den Gestank des Atems, und so schadet er dem Menschen nicht." Schadet er unseren Nächsten nicht, meint sie wohl, die barmherzige alte Dame. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/27/11/2009)

Tipp

Rettiche sind Warmkeimer, dürfen also frühestens Mitte Mai gesät werden. Besagter Winter- Rettich kommt überhaupt erst im Juli in die Erde. Wichtig ist, dass diese nicht zu dicht oder gar verschlämmt ist. Rettiche wollen es nämlich locker. Dann wollen sie noch gute Besonnung, nicht zu große Hitze, ständige Feuchte, keine Staunässe. Wenn Ihnen das zu blöd ist, müssen Sie sich jetzt auf Bauernmärkte begeben. Dort sind sie heutzutage wieder aufzutreiben, nachdem sie ein paar Jahrzehnte lang aus der Mode waren. Für Selbstversorger: In warmen Lagen auf die Sorte achten und eher auf runder Schwarzer Winter setzen als auf den langen Kollegen.

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    Schuld am zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen, sich auch auf den Atem des Radi-Essers schlagenden Odeur dieser seit Jahrhunderten auch in der Medizin hochgeschätzten Rübe sind verschiedene schwefelhaltige Senföle.

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