"Jetzt brauche ich das Publikum"

27. November 2009, 17:00
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Am 2. Dezember eröffnete Swarovski auf drei Stockwerken seinen neuen Flagship-Store in der Wiener Kärntner Straße 24 - Der belgische Gestalter Arne Quinze hat dafür verschiedene Installationen geschaffen

Michael Hausenblas traf ihn zum Gespräch auf dem Stephansplatz.

DER STANDARD: Haben Sie schon einmal etwas von Swarovski gekauft?

Arne Quinze: Nein, die geben es mir auch so.

DER STANDARD: Und vor Ihrer Zusammenarbeit?

Quinze: Ja, hab ich. Wie heißt das Ding? Fernglas, ein Fernglas hab ich.

DER STANDARD: In der Gestalterszene haben Sie das Image eines Rockstars. Passt das zu Swarovski?

Quinze: Absolut, wenn Sie sehen, was die alles machen. Aber es geht weniger um meine Person als um das, was ich tue. Nur sehr wenige Leute wissen, wie ich aussehe. Mir ist lieber, die Leute kennen meine Installationen. Die brauchen ein Publikum, nicht ich.

DER STANDARD: Was hat es mit Ihren Tattoos auf sich?

Quinze: Ich habe nur eines.

DER STANDARD: Das muss aber groß sein.

Quinze: Es ist kleiner als ein Quadratmeter.

DER STANDARD: Was gefällt Ihnen daran?

Quinze: Ich war schon als Kind sehr von der Manga-Kultur fasziniert. Bereits damals wollte ich dieses Tattoo haben. Und jetzt hab ich es.

DER STANDARD: Der Flagship-Store in der Kärntner Straße wird in fünf Tagen eröffnet. Sind Sie nervös?

Quinze: Aber nein, das Wort Nervosität gibt es in meinem Wortschatz gar nicht. Das Projekt ist schon so lange in meinem Kopf, es ist gewachsen und gewachsen. Jetzt ist es fertig, und ich bin happy. Man muss auch loslassen können. Das Ganze ist wie ein Theaterstück. Irgendwann braucht man auch das Publikum.

DER STANDARD: Und was wird das Publikum zu sehen bekommen?

Quinze: Fünf Arbeiten, davon sind vier "Stilthouses", und das fünfte Objekt ist eine Art Stadtansicht. Ich reise extrem viel und liebe es, die Linien von Städten zu studieren. Jede Stadt, jedes Viertel hat einen gewissen Rhythmus von Linien. Viele dieser Linien werden zu Mauern. Das ist faszinierend. Jedes Kind liebt es in einer Kartonschachtel zu sitzen, da geht es um eine Art, sich sicher zu fühlen. Das gilt für Armenviertel ebenso wie für schicke Viertel. Und genau damit spiele ich in meiner Arbeit. Ich spüre diesen Linien nach.

DER STANDARD: Wie würden Sie Ihre "Stilthouses" jemandem erklären, der noch nie eines gesehen hat? Sie sehen ein wenig aus wie Häuser aus bunten Holzlatten, in die ein Taifun hineinblies.

Quinze: Ich würde sie mit menschlichen Wesen vergleichen. Ein menschliches Wesen ist sehr zerbrechlich und gleichzeitig sehr stark. Es wird immer überleben. Ein menschliches Wesen ist voller Widersprüche, so wie meine "Stilthouses". Für sie sammle ich alle möglichen Arten von Holz und Pa- pier. Daraus baue ich dann die "Stilthouses", und wenn sie fertig sind, werden sie mit einer Schicht überzogen und lackiert.

DER STANDARD: Swarovski nennt die neue Location "inspiratives Zentrum" der Marke. Welche Inspiration darf sich der Besucher erhoffen?

Quinze: Für mich sind Kristalle ein sehr klares Medium. Betrachtet man sie, ist es, als würde man in ein Feuer schauen. Man taucht in eine andere Welt. Wenn Sie auf einen See schauen und das Glitzern auf den Wellen sehen, dann beginnt man irgendwie zu träumen. Wenn man all die Facetten von Licht in einem Kristall sieht, ist das für mich dasselbe.

DER STANDARD: Wie sehen diese Träume aus?

Quinze: Haben Sie ein ganzes Jahr Zeit? So lange bräuchte ich, um Ihnen davon zu erzählen.

DER STANDARD: Warum arbeiten viele Luxusmarken mit Künstlern?

Quinze: Ich denke, Kunst kann einem die Möglichkeit geben, seine Gefühle auszudrücken. Manche Unternehmen versuchen, ihren Spirit über Kunst weiterzugeben. Viele Firmen würden mit meiner Arbeit nichts anfangen können. Bei Swarovski passt's.

DER STANDARD: Warum?

Quinze: Ich arbeite nun schon ein paar Jahre lang mit dem Unternehmen. Offensichtlich mögen die meine Arbeit. Es geht um eine Art gegenseitigen Respekts.

DER STANDARD: Was denken Sie über die Wirtschaftskrise?

Quinze: Viele Menschen leiden sehr stark darunter. Für viele ist das Ganze ein Desaster. Auf der anderen Seite denke ich, es ist das Beste, was der Welt passieren konnte, dass endlich diese Reset-Taste gedrückt wurde. Wenn man einen Ballon immer weiter aufbläst, dann platzt er irgendwann. In meinem Fall ist es eigenartig. Ich hatte noch nie so viel Arbeit. Ich denke, das liegt daran, dass meine Arbeit sehr bodenständig ist, aber auch sehr, sehr fantasievoll.

DER STANDARD: Sie sind in Österreich eher für Ihre Heirat mit Barbara Becker bekannt denn als Künstler. Ärgert Sie das?

Quinze: Überhaupt nicht. Es ist mir scheißegal. Ich habe meine Liebste, ich bin glücklich, habe meine Freiheit zu tun, was ich will, es läuft perfekt.

DER STANDARD: Wollen Sie über Ihre Frau sprechen? Sie sind gerade ein paar Monate verheiratet.

Quinze: Ja, und es wird jeden Tag noch toller. Wir unterstützen uns gegenseitig sehr in dem, was wir tun. Sie ist eine unglaubliche Person, mein Rückgrat, fantastisch. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/27/11/2009)

Arrne Quinze wurde 1971 in Belgien geboren. Er war Straßenkind, Graffiti-Künstler und ist heute international renommierter Designer, Künstler und Architekt. Quinze beschäftigt an die 80 Mitarbeiter und arbeitet in seinen Studios in Miami und im belgischen Kortrijk.

www.arnequinze.tv
www.swarovski.com

 

  • Eines von Arne Quinzes "Stilthouses", wie es sie auch bei Swarovski zu sehen geben wird, allerdings in einer funkelnden Version.
    foto: hersteller

    Eines von Arne Quinzes "Stilthouses", wie es sie auch bei Swarovski zu sehen geben wird, allerdings in einer funkelnden Version.

  • Arne Quinze wandert im Grenzgebiet zwischen Architektur, Design und
Kunst. Er entwirft Möbel ebenso wie gigantische Installationen, die
aussehen wie ein Trojanisches Pferd, das durch einen Orkan galoppierte.
    foto: hersteller

    Arne Quinze wandert im Grenzgebiet zwischen Architektur, Design und Kunst. Er entwirft Möbel ebenso wie gigantische Installationen, die aussehen wie ein Trojanisches Pferd, das durch einen Orkan galoppierte.

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