Brücken über den Irrawaddy

26. November 2009, 16:58
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Bei einer Fahrt auf der "Road to Mandalay" haben es Wahrsager Sascha Aumüller ja prognostiziert: Was in Burma glänzt, ist fast immer aus Gold

Den Passagieren der "Road to Mandalay" bereitet es sichtlich Freude, die Arbeiter beim Stapeln der Teakhölzer am Hafen von Mandalay zu beobachten. Nach Burma ist das 45 Jahre alte Schiff aus einer Kölner Werft 1995 aber gekommen, weil ihm deutsche Flüsse zu flott geworden waren. Erst der 2170 Kilometer lange, als "Road to Mandalay" bekannte Irrawaddy Fluss gab dem alten Schiff einen neuen Namen und wieder Sinn. Hier konnte es auf gemächlichem Wasserweg schiffbar machen, was sein Veranstalter Orient-Express auch Zugreisenden in Europa predigt: "Der Weg ist das Ziel, und fahrt langsam, damit Ihr versteht."

Vorher schon und nachher wollten britische Prediger immer über eine Fahrt am Irrawaddy sprechen. Es ist hier alles Gold, was an den Pagoden glänzt, hatte bereits Rudyard Kipling für das Gedicht Mandalay herausgefunden. Robbie Williams, der singende Experte für Edelmetalle, teilte dann 2001 über die internationalen Charts mit: "Was ich berührte, war aus Gold, und was ich liebte, ging entzwei, auf der Road to Mandalay." Sein Song wurde von der Realität eingeholt.

Im Mai 2008 kam alles viel zu schnell, nicht nur für ein altes Schiff: Der Zyklon Nargis verwüstete Burmas Süden und damit auch die "Road to Mandalay" im Trockendock. Wäre das Schiff nicht in den letzten dreizehn Jahren auch zu einer Art Fähre zwischen den Westlern und den Burmesen geworden, es wäre wohl bedeutungslos gewesen, an dieses Wrack einen Gedanken zu verlieren. Die Werft entschied sich für eine Renovierung, im Herbst 2009 nahm es wieder Fahrt auf.

Ein Schiffsarzt geht an Land

Der Schiffsarzt Hla Tun setzte so seinen Kurs fort, die kleinen Wehwehchen an Bord zu behandeln, um damit größeres Leid an Land zu lindern. Seit 1997 betreibt er ein Projekt für den Aufbau von Schulen und Krankenhäusern, das sich im Wesentlichen aus Spenden der Gäste speist. Nach 2008 lagen seine Prioritäten bei den Menschen, die im verwüsteten Irrawaddy-Delta leben. Seiner Akribie, in Schulheften Ziffern von Spendenbeträgen Zahlen von erfolgreichen Operationen gegenüberzustellen - 11.596 waren es zum Zeitpunkt der Recherche -, ist denn auch nichts hinzuzufügen.

Das alte Elbschiff geht auch heute wieder dort vor Anker, wo es vermutet, es könne etwas über das Leben der Burmesen am Irrawaddy erzählen. In Bagan etwa, wo auf einer 42 Quadratkilometer weiten Ebene noch 2200 buddhistische Pagoden aus dem 11. Jahrhundert stehen, die vom einst stolzen Königreich berichten. Rund 13.000 Tempel sollen es einmal gewesen sein, viele kleine auch, die mitten im Maisfeld dem agrarischen Alltag einen spirituellen zur Seite stellten. Errichtet und gepflegt wurden sie oft von den Dorfgemeinschaften, und so geht die Rechnung wohl auch auf, dass weniger Menschen weniger Pagoden brauchen: 2001 hat die burmesische Junta zehntausende Anrainer vom historischen Stadtgebiet nach Neu-Bagan umgesiedelt.

Wer sich denn ein Fahrrad schnappt, um die mit buddhistischen Stupas bestellte Agrarebene durchzuackern, macht eine andere Erfahrung: Die Umsiedlungspolitik des Regimes scheint manche Burmesen am Land gar nicht zu erreichen. Erhaben und noch bar jeglicher Verelendung der industriellen Urbanität sind einige Dörfer nie vom fruchtbaren Schoß dieses Pagodenfelds gewichen. Aber was man hier an Moderne zwischen die Bambushäuser packen kann, passt in ein Kofferradio. Ein einzelnes Gerät verbreitet dort weithin hörbar Botschaften westlicher Popkultur - Shakira wird immer laut gespielt in Burma.

Gastarbeiter als Meinungsmacher

Um herauszufinden, dass die Junta seit 1962 Brücken an den 137 unterschiedlichen Ethnien im Land vorbeibaut, bedarf es keines Wahrsagers. Allerdings ist ein Gespräch mit dem indischen Gastarbeiter, der an Bord der "Road to Mandalay" in den Händen der Passagiere liest, doch aufschlussreich: Nicht nur die einfachen Burmesen konsultieren diese angesehenen Meinungsmacher, sondern auch die Generäle, bei denen das Irrationale sowieso einen fixen Platz im Kopf hat: Auf Anraten eines Wahrsagers baute das Regime erst vor kurzem eine Brücke über den Irrawaddy, wo keine Menschen lebten, die man hätte verbinden können.

Umso mehr scheint auch das Schiff die starken Bande zur buddhistischen Heilslehre beweisen zu wollen. Die meiste Zeit bleibt es im Heimathafen Mandalay, vor dem spirituellen Zentrum des Landes, vertäut. Der Kapitän hat es so nicht weit ins nächste Dorf, wo er dann versucht, wenigstens im Nirwana weiterzukommen; indem er regelmäßig frische Verpflegung an die Mönche ausgibt, die sich freiwillig in diese Abhängigkeit begaben. Dass sich 500.000 Mönche im Land aber nicht mit politischen Almosen zufriedengeben, zeigte ihr Aufstand im Jahr 2007.

In der alten Hauptstadt Rangun existiert unterdessen eine buddhistische Parallelwelt, die eher an ein spirituelles Disneyland erinnert. Wenn die Goldene Pagode Strahlkraft besitzt, dann nicht nur, weil sie angeblich mehr Edelmetall enthält als die Bank von England. Auf dem Gelände wird auch mit Ritualen gespielt. Ihr Geld werfen Pilger dort ins Karussell, damit es vor einem Schild mit der Aufschrift "May you be a lucky Person" landet - buddhistisches Glücksspiel eben. Und in einem Hangar nördlich der Pagode kann man erfahren, was die wahre Größe des Buddha auch definiert: 70 Meter lang ist die dort liegende Statue.

Sechs Millionen Einwohner von Rangun sind der wahnwitzigen Idee des Regimes jedenfalls bis heute nicht gefolgt, im Jahr 2006 mit der Hauptstadt plötzlich nach Naypyidaw umzuziehen. Diese liegt im Nirgendwo ohne Straßenanbindung. Allerdings illustriert der teilweise bereits übersiedelte Ranguner Zoo die Bedeutung der neuen Hauptstadt für die Generäle. "Die großen Tiere sind alle schon in Naypyidaw", erzählt Robert, der burmesische Guide (seinen vollen Namen zu nennen würde ihn im Militärjunta-Burma gefährden, Anmerkung der Redaktion), "uns sind hier nur die Affen geblieben."

Überraschende Reiseempfehlung

Unterstützen Touristen also zwangsläufig dieses Affentheater? Eine überraschende Reiseempfehlung kam im August 2009 von der womöglich bald nicht mehr unter Hausarrest stehenden Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi - die Junta hat ihre Freilassung vor drei Wochen zumindest angekündigt. Der Kontakt könnte für die isolierten Burmesen wertvoll sein, meinte sie nun erstmals, vorausgesetzt die Gäste hielten sich an die mittlerweile vorhandene nichtstaatliche touristische Infrastruktur.

Robert, der burmesische Guide, hat auf diese Frage auch eine Antwort. Er zeigt auf eine als Kreisverkehr mit Kabinen gestaltete Pagode im Zentrum Ranguns, in der dreißig Wahrsager auf Kundschaft warten. "Wenn wir nachts nicht schlafen können, weil wir eine Entscheidung treffen müssen, kommen wir hierher, wo die Wahrsager weiterhelfen. Meiner sagt immer: 'Kaufen Sie sich einen Hut, und werfen Sie ihn in den Fluss!'" (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Rondo/27.11.2009)

Informationen:

Rangun erreicht man gut mit den Flügen von Thai Airways über Bangkok. Orient-Express betreibt in Burma nicht nur die "Road to Mandalay", sondern auch ein Fünf-Sterne-Haus in Rangun: The Governor's Residence liegt in Gehdistanz zur Altstadt, die Zimmerpreise orientieren sich am zurzeit sehr vorteilhaften US-Dollar-Kurs. Kreuzfahrten auf dem Irra-waddy werden in vier- bis achttägigen Varianten angeboten und legen den Schwerpunkt der Reise immer auf die Aktivitäten an Land. Dementsprechend sind die Exkursionen auch bereits im Reisepreis inkludiert. www.roadtomandalay.net

  • Der liegende Buddha von Rangun, Kyauk Htat Gyi, ist eine späte Reinkarnation aus dem Jahr 1966. Aber 70 Meter Länge verleihen Ehrfurcht.
    foto: aumüller

    Der liegende Buddha von Rangun, Kyauk Htat Gyi, ist eine späte Reinkarnation aus dem Jahr 1966. Aber 70 Meter Länge verleihen Ehrfurcht.

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