Mehr Bauhaus gibt es nicht

6. August 2009, 17:00
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Zum 90. Geburtstag des Bauhauses zeigt der Berliner Martin-Gropius-Bau eine gewaltige Ausstellung - Ingo Petz bestaunte ein Stück Zukunft der Vergangenheit

Am Anfang waren der blaue Kreis, das gelbe Dreieck und der rote Kubus. Zumindest nach dem Willen des Bauhaus-Lehrers Wassily Kandinsky, der mithilfe einer Umfrage unter seinen Schülern 1922 diese Grundformen den Grundfarben zuordnete. In Zeichnungen, Studien oder Bucheinbänden aus den Werkstätten der 1919 in Weimar gegründeten Hochschule für Kunst, Gestaltung und Architektur, die sich im Laufe ihrer nur vierzehnjährigen Existenz zum Motor der Moderne entwickeln sollte, tauchten die Formen immer wieder auf - gewissermaßen als ideelle Bauklötze für eine euphorische Bewegung, die sich nichts weniger vorgenommen hatte, als die Zukunft neu zu errichten. Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind die übergroßen geometrischen Figuren für den Besucher das Tor in die gewaltige Ausstellung modell bauhaus, für die sich die drei deutschen Bauhaus-Institutionen in Berlin, Weimar und Dessau wie auch das Museum of Modern Art in New York zum 90. Jubiläum der weltläufigen Gestalter erstmals zusammengerauft haben. 1000 Ausstellungsstücke auf 2000 Quadratmetern. Mehr Bauhaus an einem Ort gab es selten.

Damit ist auch schon das Problem der Ausstellung benannt. Denn beim Rundgang durch die mit Bildern, Möbeln, Studien und Artefakten vollgestopfte Schau wird dem Besucher so manches Mal schwindelig - im Angesicht der Fülle an Stücken, die anhand einer Mischung aus chronologischen und thematischen Kapiteln abgearbeitet werden. Einerseits. Andererseits besticht die heute noch erstaunlich konzentrierte Inspiration, mit der die Bauhäusler unter Leitung ihrer Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und schließlich Mies van der Rohe zwischen ideologischem Manifest und künstlerischer Entfaltung zu gewaltigen Einfällen kamen. Einfälle, die offenbar seltener als gedacht ihren Weg in die Industrie fanden - wie beispielsweise der "Clubsessel" von Marcel Breuer oder die berühmten Wagenbach-Leuchten.

Sich-Ausprobieren an Ideen

Die Experimentierfreudigkeit, die künstlerische Kontroverse, das Sich-Ausprobieren an Ideen wird besonders gut in den ersten Kapiteln deutlich, in denen zunächst die Inspirationsquellen der Bauhäusler in der abstrakten, konstruktivistischen und dadaistischen Kunst aufgefächert werden, dann die eigene künstlerische Entfaltung dargestellt und schließlich der Weg zu wirklichen Produkten wie etwa Spielzeug, Möbel oder Poster illustriert wird. Besonders die eleganten Bucheinbände oder die Gliederpuppen eines Oskar Schlemmer wirken nach wie vor wie materialisierte Kunstwerke. Ohne Frage haben Gropius und Co (mit dem Bauhaus in Verbindung zu bringende Österreicher waren Herbert Bayer, Franz Singer oder Anton Brenner) die Zeit der gesellschaftlichen Verunsicherung und Spannungen nach dem Ersten Weltkrieg als fruchtbares Feld für ihre Arbeit empfunden. Zudem räumt die Ausstellung mit dem Vorurteil auf, dass das Bauhaus eine monokulturelle Maschinerie war, die vor allem die luftigen, klaren und strengen Formen für die Welt-Architektur erfand. Stattdessen wird deutlich, dass das Bauhaus trotz seines gleichmacherischen Ansatzes ein bunter Hort extremer Individualität und Verschiedenheit war und es kaum Bereiche der Gestaltung gab, in denen das Bauhaus mit seiner eigenwilligen Verquickung von Theorie und Praxis nicht aktiv war (die Architektur wurde tatsächlich erst ab 1927 als Lehrfach etabliert und unter van der Rohe das bedeutende Fach). Herrlich beispielsweise das "Mechanische Ballett", das in seiner dynamischen Verbindung von Farben und Formen immer wieder neue Bilder entstehen lässt.

Die totale Weltverbesserung

Etwas befremdlich und gar gruselig dagegen die Idee des "Totaltheaters", das in seinem Streben nach der absoluten Vollkommenheit durchaus totalitäre Züge offenbart. Die totale Weltverbesserung war ja gemäß des damaligen Zeitgeistes auch ausgewiesenes Programm des Bauhauses, das die "Zusammenfassung aller lebensbildenden Kräfte zur harmonischen Ausgestaltung unserer Gesellschaft" (Meyer) wollte. Mit welch religiösem Eifer dies betrieben wurde, wird auch gleich am Anfang des Rundgangs deutlich. Dort nämlich ist der Schnitt des Ulmer Münsters ausgestellt, den der Maler Lyonel Feininger als Deckblatt für das Bauhaus-Manifest angefertigt hatte. Denn für Walter Gropius symbolisierten die Kathedralen den Einklang von handwerklichem und ideellem Streben. Die durchaus sehr bewegte politische Geschichte des Bauhauses wird bestenfalls am Rande erzählt. Die Ausstellung endet offiziell mit der Auflösung der Hochschule durch die Nazis 1933 (inoffiziell gibt es im Mittelteil des Gropius-Baus noch eine gelungene ironische Huldigung der klischeebeladenen Marke "Bauhaus" durch die Künstlerin Christine Hill).

Die Geschichte der Bauhäusler, die in der Emigration zu Weltruhm gelangten oder in Konzentrationslager verschleppt wurden, bleibt ausgespart - ebenso die Geschichte der meisten ausgestellten Stücke. Aber darum scheint es den Kuratoren der Schau auch nur beiläufig gegangen zu sein. Im Vordergrund stehen die Kraft der Inspiration und die Euphorie, mit der das Bauhaus die Zukunft erstürmte. Und diese Botschaft kommt an. (Ingo Petz/Der Standard/rondo/07/08/2009)

Bis 4. Oktober 2009
Infos: www.modell-bauhaus.de

  • Toilettentisch der Dame
    foto: hartwig klappert, berlin stiftung bauhaus dessau

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