Auf Bären hören

19. Juni 2009, 17:00
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Das älteste und gescheiteste unter ihren Tieren war aber der Bär, der alle Erinnerungen gesammelt hatte

Leslie hatte für jede Lebenslage ein Tier. Das stolze Krokodil aus glänzendem Porzellan half ihr, wenn ihr jemand wehgetan hatte, dann grinste es keck und versicherte: "Den schnupfst du schon lange." Der Stoffdelfin brachte sie zum Einschlafen, weil er eigentlich langweilig war. Das älteste und gescheiteste unter ihren Tieren war aber der Bär, der alle Erinnerungen gesammelt hatte. Auch wenn Leslie schlief, beobachtete er sie, und sein Wissen über sie war dabei groß, sein Fell dabei kurz geworden.

Als Leslie ihm jetzt ins Gesicht blickte, fragte er: "Juni 1979, willst du?" Und in Leslie stiegen sofort Erinnerungen hoch, an das warme Holz auf dem Balkon, die großen Gläser mit den Hollerblüten und den Zitronen, die obenauf schwammen, den Duft der Bienenwaben auf dem Küchentisch, die man nicht schleudern konnte, weil der Honig sich kristallisiert hatte, den kalten Steinfußboden unter den Sohlen und an die grünen Knie vom Ins-Gras-Fallen beim Fangenspielen.

Der Bär sah Leslie aus seinen Bernsteinaugen an. Er konnte nicht nur Erinnerungen wecken, er durchschaute Leslie auch. Er zog die Mundwinkel aus schwarzem Zwirn nach oben: "Es stimmt nicht, dass es dir egal ist, dass du mit Yvonne gestritten hast", sagte er. "Erinnerst du dich noch, wie sie dir Stanitzel mit Schlag gebracht hat, als du krank warst?" Leslie senkte den Kopf und rief Yvonne an: "Mein oberschlauer Teddy, benannt nach Präsident Theodore Roosevelt, der sich bei einer Jagd angeblich weigerte, auf einen kleinen, wehrlosen Bären zu schießen, will, dass ich mich bei dir entschuldige." (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/19/09/2009)

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    "Mein oberschlauer Teddy, benannt nach Präsident Theodore Roosevelt, der sich bei einer Jagd angeblich weigerte, auf einen kleinen, wehrlosen Bären zu schießen, will, dass ich mich bei dir entschuldige."

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