Das Haus eines Gerechten

19. Mai 2009, 16:53
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Die Emaillewarenfabrik Oskar Schindlers in Krakau wurde renoviert und ist jetzt Museum

Auf dem Weg zum Stadtteil Podgórze weht mir ein kühler Frühlingswind ins Gesicht, der Fußmarsch wird ungemütlich. Ich denke an den 3. März 1941, als alle Juden im Großraum Krakau auf Geheiß des Generalgouvernements den jüdischen Stadtteil Kazimierz verlassen und in das von den Nazis errichtete Ghetto umziehen mussten. Die Besetzer trieben die ursprünglichen Bewohner aus ihren Wohnungen und pferchten nur vorübergehend die jüdischen Menschen hinein. Die Deportationen in das Vernichtungslager Belzec begannen bereits im Mai 1942.

Nun stehe ich auf dem ehemaligen Sammelplatz, früher Plac Zgody und heute "Platz der Helden des Ghettos" benannt, von wo aus der Abtransport geregelt wurde. Auf diesem Platz und in den umliegenden Straßen ermordete am 13. und 14. März 1943 Amon Göth mit seinen Nazi-Schergen in aller Öffentlichkeit mehr als 2000 Menschen: Krakau sollte judenfrei sein.

Rezepte einer Apotheke

Die Apotheke "pod Orlem" ("unter dem Adler") war für viele Juden letzte Zuflucht. Der Besitzer, Tadeusz Pankiewicz, versuchte, eine angeschossene Jüdin zu retten. Seine Hilfe war großmütig, doch erfolglos. Dennoch gab er unzähligen Menschen Hoffnung und Zuversicht. Etwa dem Krakauer Tischler, Dichter und Musiker Mordechaj Gebirtig, er hielt sich oft in der Apotheke auf. Im Seminar "Erinnern für die Zukunft" mit Jugendlichen aus Polen, Deutschland, der Ukraine, der Slowakei, Tschechien und Israel bringe ich jungen Menschen seine Lieder bei. Das Gebirtig-Lied "Hungerik dajn kezele" (frei übersetzt: "Hungrig ist auch dein Kätzchen") studiere ich noch heute mit ihnen ein, um die versinkende Sprache Jiddisch in der besonderen Melodik des in Polen kaum noch existenten Judentums zu lehren. Gebirtig wurde am 4. Juni 1942 gemeinsam mit dem Maler Abraham Neumann auf offener Straße erschossen.

Die Apotheke "unter dem Adler" ist nun Museum. Ich frage den Portier nach dem Weg zu Oskar Schindlers Emaillefabrik. "Gehen Sie einfach gerade über den 'Platz der Helden des Ghettos' - nach 700 Metern finden Sie das Schindler-Museum" bekomme ich zur Antwort. Vorbei an überdimensionalen, leeren Stühlen, die auf dem Platz installiert sind, um an das Massaker von 1943 zu erinnern, führt mich der Weg in den Stadtteil Zablocie. Denselben Weg nahmen von 1941 bis Ende 1944 mehr als 1000 Juden, die für Schindler in seiner Fabrik arbeiteten. Sie kamen vorwiegend aus dem Ghetto Podgórze. Ich passiere eine Straße, deren Aussehen seit Kriegsende unverändert blieb. Steven Spielberg war 1992 bei der Motivsuche für den Film Schindlers Liste begeistert: In Podgórze scheint tatsächlich die Zeit stehengeblieben zu sein. Spielberg benötigte kaum Kulissen, es stand noch alles da.

Ich überquere Bahngleise und entdecke in etwa 300 Meter Entfernung ein frisch herausgeputztes Fabrikgebäude: das Schindler-Museum. Die Umgebung ist nicht gerade einladend, aus dem Grau sticht der gesamte Gebäudekomplex unwirklich hervor. Vor dem Haus die ersten Besucher, vorwiegend Touristen - Sightseeingtour mit Elektromobilen. Am Haupttor unterhält sich eine Gruppe polnischer Jugendlicher, die das Museum gerade besucht hat. Ich frage mich, was diese fröhlichen Teenager wohl denken und wende mich an die 18-jährige Monika Ostafin, die feststellt: "Schindler war ein Industrieller, Mitglied der NSDAP und Profiteur der deutschen Okkupation. Dann gab er sein eigenes Vermögen her, um Juden freizukaufen, riskierte sogar sein eigenes Leben." Monika wird nachdenklich, hält inne. "Mich interessiert seine Motivation, warum er so und nicht anders handelte. Das ist nur aus der Vergangenheit, die sehr extrem war, zu begreifen. Fakt ist aber, dass 1200 Menschen gerettet wurden. Daher stehen diesem Menschen, einem Gerechten unter den Nationen der Welt, alle Wertschätzung, Anerkennung, Dankbarkeit und unser Gedächtnis zu."

Im Parterre des Museums erwartet die Besucher eine Fotoausstellung über den Zustand der Fabrik zu Schindlers Lebzeiten. Man liest Dokumente und versucht, die Jahre der Okkupation Polens nachzuempfinden. Ab Herbst dieses Jahres soll hier das Alltagsleben der jüdischen und auch der deutschen Bevölkerung in Krakau vor und während des Zweiten Weltkriegs gezeigt werden. Besonders aber das Leben und Wirken des 1908 geborenen Oskar Schindler. Die Direktorin Monika Bednarek von der Krakauer Museenverwaltung freut sich über das enorme Interesse für das Schindler-Museum, das an Originalschauplätzen und Drehorten von Spielbergs Film Schindlers Liste installiert wurde.

Bednarek erzählt, dass diese Produktionsstätte bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg dem jüdischen Fabrikanten Abraham Bankier gehörte: "Den bankrott gegangenen Betrieb erwarb dann Oskar Schindler. Und nach dem Krieg übernahm bis zur politischen Wende 1989 das Elektronikkombinat 'Telport' das gesamte Gelände. Danach kam die marode Fabrik in die Hände von privaten Investoren. Erst Spielbergs Film brachte dann ein unverhofftes Interesse der Touristen."

Produktion läuft wieder an

Jetzt durchschreiten wir im ersten Stock riesige, weiß getünchte und vom Tageslicht durchflutete, aber noch vollkommen leere Ausstellungsräume. Monika Bednarek: "Das Fabriksgebäude, das letztendlich die Stadt Krakau erworben hat, ist bis auf einige Räume noch leer. Aber wir überlegen uns die Nutzung für zeitspezifische Präsentationen." Die Krakauer Museenverwaltung trug jedenfalls dem Wunsch der "Filmtouristen" Rechnung und entwickelte eine historische Stadtrundfahrt. Die Emaillefabrik Schindlers ist dabei eine von 13 Stationen.

Für seine guten Taten wird Oskar Schindler als "Gerechter" betrachtet. Mit der Ernennung der Fabrik in Krakau-Zablocie zum historischen Museum der Stadt erfährt der deutsche Industrielle Oskar Schindler mit dem Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" posthum - er starb 1974 völlig verarmt - erstmals auch von polnischer Seite eine hohe Würdigung. (Manfred Lemm/DER STANDARD/Printausgabe/16./17.5.2009)

Info: Das Museum in Oskar Schindlers Fabrik, Lipowa Straße 4, ist täglich außer Montag von 10 bis 17.30 Uhr geöffnet. Anlässlich der Neueröffnung wird noch bis zum 31. August 2009 die Geschichte und Zukunft der Fabrik gezeigt.

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  Manfred Lemm, geb. 1946, ist Musiker und
freiberuflicher Journalist, mit Krakau verbindet ihn eine langjährige
Arbeit am Werk des jüdischen Tischlers Mordechaj Gebirtig (1877-1942),
dessen Gesamtwerk er 1992 unter dem Titel: Mordechaj Gebirtig - Jiddische Lieder in der Wuppertaler Edition Künstlertreff veröffentlichte.   
1990 initiierte er als künstlerischer Leiter und Organisator das erste internationale Jiddisch-Festival in Krakau.
    foto: der standard

    Manfred Lemm, geb. 1946, ist Musiker und freiberuflicher Journalist, mit Krakau verbindet ihn eine langjährige Arbeit am Werk des jüdischen Tischlers Mordechaj Gebirtig (1877-1942), dessen Gesamtwerk er 1992 unter dem Titel: Mordechaj Gebirtig - Jiddische Lieder in der Wuppertaler Edition Künstlertreff veröffentlichte.

    1990 initiierte er als künstlerischer Leiter und Organisator das erste internationale Jiddisch-Festival in Krakau.

  • Selbsterklärende Installationen wie der begehbare Glaskubus mit Emailletöpfen in Oskars Schindlers ehemaligem Büro sollen ab Herbst 2009 überall im neuen Museum platziert werden.
    foto: historisches museum krakau

    Selbsterklärende Installationen wie der begehbare Glaskubus mit Emailletöpfen in Oskars Schindlers ehemaligem Büro sollen ab Herbst 2009 überall im neuen Museum platziert werden.

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