Ab in die Zukunft

29. Jänner 2009, 17:00
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Hussein Chalayan gilt als Konzeptkünstler unter den Modedesignern - Das Design Museum in London widmet ihm jetzt eine Retrospektive

Die Zukunft beginnt gleich am Eingang. Drei Frauen in einer Reihe müssen die Augen schließen, so heftig bläst ihnen ein Luftstrahl ins Gesicht. Ihre bunten Kleider rinnen vor lauter Windstärke von ihren Gliedern wie flüssiges Wachs.

Diese Szene stammt nicht von einem Set zu einem Sci-Fi-Horrorstreifen, sondern ist der erste Blick, den die Besucher des Londoner Design Museums in die wunderbar-irritierende Welt von Designer Hussein Chalayan werfen dürfen: Die Frauen sind extrem realistisch aussehende Puppen. Und ihre Kleider sind nicht aus Wachs, sondern aus deformiertem Hartgummi und stammen aus Chalayans Sommerkollektion '09. Ob Frauen von New York bis Nürnberg sie demnächst tragen werden, ist eine andere Frage.

Hussein Chalayan, der 1970 geborene Sohn einer türkisch-zyprischen Familie, gilt seit dem ersten Tag seines fünfzehnjährigen Schaffens als Querdenker. Ein stiller Avantgardist mit dem Hang, den Fluss von Mode genussvoll gegen den Strich zu bürsten. Noch am Morgen der Eröffnung lief der kleine Designer nervös durch die Räume wie ein wirrer Perfektionist. Überall sah er kleinste Fehler.

Dabei ist es nicht seine erste Schau. Chalayan, der mit zwölf Jahren nach England kam, gehört zu den wenigen Designern, den die Modewelt gern als ihren Konzeptkünstler verehrt. Schon seine Studienkollegen am legendären Londoner Central St Martin's College sahen ihn angeblich stets mit Tüten voller Bücher aus diversen Gebieten: Philosophie, Physik, Architektur, Biologie.

Querdenker im eitlen Gewerbe

Bis heute arbeitet sich Chalayan für jede Kollektion an einem seiner vielen Interessengebiete ab. Ein Kleid in der Ausstellung, das er für die letztjährige Sommerkollektion entwarf, bedeutete wochenlange Schwerstarbeit - für Elektrotechniker: Zwischen Swarovski-Steinen strahlen winzige Laser vom Körper und verleihen dem symbolischen Begriff des berühmten Menschen als "Star" eine ironische Übersteigerung.

Chalayans längst legendär-kontroverse Kollektion von 1998, bei der er die Models, als Spiel mit dem Blick und dem Angeblickt-Werden, teilweise nackt und in Tschadors auf den Laufsteg schickte, sind in der Londoner Ausstellung nicht zu sehen. Dafür zeigt sie Film und Originalstücke aus seiner gefeierten Arbeit "Afterwords" (2000), in der eines der Models auf die Mitte eines Tisches steigt und diesen zu einem Holzrock hochzieht. Chalayan wollte das Moment der Vertreibung in Kriegszeiten thematisieren, mit dem Hab und Gut transformierbar in Kleidung.

Die sozial-politischen Hintergründe seiner Herkunft als türkischer Zyprer sind stets ein Motor von Chalayans Ideen gewesen, doch bleibt die Frage, ob man in einem eitlen Genre wie der Mode überhaupt gesellschaftskritisch arbeiten kann. Zwar schafft es Chalayan kommerzielle und konzeptuelle Erfolge geschickt zu verbinden, doch auch er muss sich dem Markt anpassen. Seine Zusammenarbeit mit anderen Modeunternehmen, aktuell als neuer Kreativdirektor bei Puma, ist nur ein Beweis dafür.

Experiment Kleid

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den untragbaren, kühnen Entwürfen: den organisch einhüllenden Kleidern aus der Kollektion Genometrics 2005 oder diversen Filmprojekten, etwa sein Beitrag für den türkischen Pavillon zur Venedig-Biennale 2005, wo die Schauspielerin Tilda Swinton DNA-Spuren von Kleidern verschiedener Frauen im Versuchslabor zu Skulpturen mutieren lässt.

Auch wenn Chalayan zu einem der experimentierfreudigsten Designer gehört, wird in der Londoner Schau deutlich, dass auch er im Grunde nur beschreiben kann, was in Zukunft vielleicht einmal möglich sein wird: Stoffe, die sich mithilfe von Luft selbst reinigen, oder Schnitte, die je nach Anforderung automatisch ihre Form ändern. Im letzten Raum ist seine Sommerkollektion 2007 zu sehen, die Chalayans Sehnsucht dank verborgener Technik perfekt darstellt: Die Kleider an den Körpern der Models beginnen sich scheinbar von selbst zu öffnen, wachsen und zerfallen wie das Leben einer Rose im Zeitraffer.

Ganz unauffällig in einer Ecke, fast unscheinbar bei so viel tragbar-untragbarer Fortschrittlichkeit, hängt in der Ausstellung ein Seidenkleid. Verschlissen und braun verfärbt von der Erde, in der Hussein Chalayan es monatelang vergraben hatte. Er wollte sehen, wie die Natur sich das Material zurücknahm und verrotten ließ. Es war seine Abschlussarbeit am College und sie demonstriert vielleicht am faszinierendsten, dass Mode in seinen Händen immer das Schicksal auf dem Experimentiertisch blüht. (Julia Grosse/Der Standard/rondo/30/01/2009)

Hussein Chalayan: From Fashion and Back, bis 17. Mai im Design Museum London www.design-museum.org

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    Zu Mode erstarrt: Kleider aus deformiertem Hartgummi aus Chalayans aktueller Kollektion "Inertia" für den Frühling/Sommer.

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    Tragbar-untragbare Fortschrittlichkeit:

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    Mode-Beispiele von Hussein Chalayan aus dem Jahr 2007.

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