Von wegen Hundsärsch

8. November 2008, 13:30
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Nur Ignoranten können der Mispel diesen Titel verliehen haben, meint Ute Woltron

Wenn Sie an dieser Stelle riechen könnten, was Ihr Grünzeug gerade riechen darf, würde Ihnen wahrscheinlich das Wasser im Mund zusammenlaufen: Der Geruch ist herbstlich, säuerlich, herb. Ein bisschen Süße. Viel Aroma. Ein dunkler, markanter Duft. Sein Ursprung ist auf eine kleine Pyramide runder brauner Früchte zurückzuführen, die zum Zwecke schreiberischer Inspiration auf einem Teller direkt vor der "Grünzeug"-Tastatur aufgebaut ist.

Sie würden auch - gesetzt den Fall, Sie trügen einen Hauch kulinarischer Experimentierfreude in sich - beim Anblick dieser goldbraun glänzenden, prallen Dinger (Durchmesser etwa vier Zentimeter) sofort zu überlegen beginnen, was man aus ihnen alles kochen könnte. Gelees und Marmeladen vielleicht oder herbstliche Chutneys, jedenfalls irgendwelche genialen Begleiter für Gänsebraten und ähnliche Deftigkeiten. Doch zuerst würden Sie einmal vorsichtig kosten: ganz weiches, musiges Fruchtfleisch, süß-säuerlicher Geschmack, sehr frisch das Ganze. Aufpassen, kleine harte Kerne dazwischen. Eher zuzeln als beißen.

Erst im November reif

Bedauerlicherweise ist den wenigsten dieser Genuss beschieden, weil die Mispel, auch Asperl oder Hundsarsch genannt, weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Selbst Leute, in deren alten Gärten noch irgendwo verloren ein paar Mispelbäume vergangener Obstgartenepochen herumstehen, wissen im seltensten Fall, was da wächst. Sie sollten sofort hinauseilen und eine Verkostung vornehmen. Jetzt ist die ideale Zeit dazu.

Denn erst im November werden die Mispeln reif. Sie zählen damit zu den letzten Früchten des Jahres. Wie die Hetscherln brauchen sie ein, zwei ordentliche Fröste, um weich und süß zu werden. Solange sie noch hart sind, schmecken sie grauenvoll. So, dass es einem, wie der Volksmund zu sagen pflegt, das Hemad hinten hineinzieht. Erst batz- weich werden sie genießbar.

Der Titel Hundsärsch für diese netten Früchte ist wirklich ein Witz und kann nur bei Einsatz äußerster Fantasterei nachvollzogen werden. Positivere Charaktere denken sich die frech abstehenden Kelchblätter auf den Früchten eher als Krönchen denn als hündischen Arsch, also wirklich. Und überhaupt ist so ein über und über mit Früchten behangener Mispelbaum eine wahre Pracht. Die "Mespilus germanica" ist generell ein sehr ansehnliches Gewächs. Auch ihr lateinischer Name ist irreführend, weil die Pflanze tatsächlich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem westasiatischen Raum stammt. Doch da sie bereits von Griechen und Römern verbreitet wurde, lässt sich ihre Herkunft nicht mehr exakt feststellen.

Groß und sehr ansehnlich

Mispelbäume bleiben klein, sie bilden meist breite, schöne Kronen aus. Ihre ledrigen dunklen Blätter sind leicht befilzt und werden bis zu zwölf Zentimeter lang. Groß und sehr ansehnlich sind auch die weißen Blüten, die Ende Mai, Anfang Juni in verschwenderischer Menge geöffnet werden. In unseren Breiten gibt es wilde Mispeln mit kleineren Früchten sowie diverse Kulturformen mit größerem Fruchtstand. Letztere bekommt man in guten Baumschulen. Es zahlt sich nicht aus, die Pflanzen aus Samen zu ziehen, wenn gepfropfte, sprich veredelte Mispeln zu bekommen sind. Es steht etwa ein halbes Dutzend Zuchtsorten zur Verfügung, sie stammen alle aus längst vergangenen Zeiten, als die Mispel noch in breiterer Masse wertgeschätzt wurde und ein wichtiger herbstlicher Nahrungs- und Vitaminlieferant war. Ausprobieren, unbedingt. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/07/11/2008)

Tipp:
Gelegentlich bekommt man bei Obst- und Gemüsehändlern "Mispeln" zu kaufen, die keine solchen sind. Diese Früchte sind orangegelb und vor allem im Frühling zu haben. Es handelt sich dabei um die Japanische Wollmispel Eriobotrya japonica, die mit der Mespilus germanica nur insofern entfernt zu tun hat, als sie beide der Familie der Rosengewächse angehören - so wie übrigens auch der Apfel oder die Birne. Und die dürften ja auch nicht so leicht miteinander zu verwechseln sein, nicht wahr?

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    Der Geruch ist herbstlich, säuerlich, herb. Ein bisschen Süße. Viel Aroma. Ein dunkler, markanter Duft.

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