Ein Moonboot für Läufer

17. Oktober 2008, 17:00
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Laufschuhe erkennt man am sogenannten Dämpfungskeil unter der Ferse - Nikes "Lunar Racer" ist anders - und überrascht auch ExpertInnen

Einen Schuh, der für jeden Läufer passt, betont der Wiener Sportorthopäde Karl-Heinz Kristen, gibt es nicht. Nicht Marke und Ästhetik seien für die Kaufentscheidung wichtig, sondern "Fußform und -stellung, das Gewicht des Läufers und die Laufroutine: Wer barfuß auf natürlichem Boden laufen kann, kann auch ab und zu mit Wettkampfschuhen laufen. Aber bei der Suche nach dem richtigen Schuh sollte man sich auf den Rat eines guten Laufschuhhändlers verlassen - der hat die Kompetenz zu sagen, welcher Schuh auf welchen Fuß passt. Denn er kennt die Leisten der Hersteller viel besser als jeder Arzt."

Fragen wir also den Laufschuhhändler Hans Blutsch. Den zu verblüffen ist nicht leicht. Nicht in Laufsport-Fragen. Denn Blutsch gilt bei seiner Klientel als Instanz: Wenn der Mitfünfziger, der in der Wiener Liniengasse einen Laufshop betreibt, einen Schuh mit Vokabeln wie "sensationell" und "unglaublich" bedenkt, dann zählt das. Erst recht, wenn der Händler unumwunden zugibt, trotz jahrzehntelanger Praxis "total überrascht" zu sein: Laufschuhe wie Nikes neuen "Lunar Racer" kennt Blutsch aus dem Wettkampfsport - aber "dass ein so leichter Schuh mit einer so dünnen Sohle eine Dämpfung hat, die für Hobbyläufer taugt, hätte ich nie geglaubt".

Retro-Segeltuchsneaker

Tatsächlich dürfte der (pro Paar) 150 Gramm leichte Mondrenner aus der Nike-Herbstkollektion 2008 eine neue Runde in der Materialschlacht im heiß umkämpften Segment der ambitionierten Hobbyläufer einläuten.

Denn der Schuh fällt auf. Zunächst wegen seiner für einen Straßenlaufschuh extrem flachen Bauweise: Der übliche Fersenkeil fehlt zur Gänze - der "Lunar Racer" erinnert eher an einen Retro-Segeltuchsneaker als an moderne Hightech-Laufschuhe. Außerdem ist er ein echter Spartaner. Um Gewicht zu sparen, wurde sogar der "Swoosh" nur aufgedruckt. Erstmals - bisher klebte oder stickte Nike sein Logo immer auf. Und: Schuhbänder und Zunge sind so kurz, dass Läufer mit einem etwas höheren Rist mitunter Probleme mit der Schnürung haben.

Doch daran, dass der Schuh dennoch mehr als "state of the art" ist, lassen die Nike-Entwickler keinen Zweifel aufkommen: Um das - ohnehin kaum vorhandene - Obermaterial so dünn zu halten, setzte man eine bei Mittelstreckenrennschuhen und, kein Scherz, im Hängebrückenbau erfolgreich angewandte Versteifungstechnik ("Fly Wire") ein. Für die Dämpfung kam Leichtestmaterial aus der Raumfahrt ("Lunarlite Foam") zum Einsatz. Und auch wenn - so wie Blutsch - andere Läufer beim ersten Hinschauen "unmöglich" sagten, schafft der "Lunar Racer" im Test doch, was bei Laufschuhen als "Quadratur des Kreises" gilt: Trotz minimalen Gewichts und extrem dünner Sohle hat der Schuh eine Dämpfung, die der eines klassischen Laufschuhs nahekommt. Darüber hinaus federt er gut, absorbiert also weniger Energie als viele gängige Laufschuhe.

"Wunderschuh"

Diese Absorption ist vor allem im Wettkampf Thema: Um weniger Energie zu verlieren, verzichten Spitzensportler bei Rennen oft ganz auf Dämpfung. Das spart Kraft, wird Normalverbrauchern allerdings nicht empfohlen. Schließlich ist ungedämpftes Laufen auf Asphalt alles andere als gesund, erklärt Fußspezialist Karl-Heinz Kristen: "Auf natürlichem Boden funktioniert die natürliche Dämpfung des Körpers sehr gut - aber gerade ein Anfänger braucht auf Asphalt unbedingt einen Schuh, der dämpft, stützt und führt."

Deshalb würde Blutsch den "Wunderschuh" nicht jedem Kunden empfehlen: Führung und Stütze sind nichts für Einsteiger. Und: Laufschuhe halten meist etwa 2000 Kilometer. Nike selbst gibt dem 130 Euro teuren "Lunar Racer" "mindestens 1000". Blutsch aber ist skeptisch: "So, wie sich das Material anfühlt, glaube ich nicht, dass er mehr als 250 Kilometer hält - aber ich lasse mich gerne überraschen." (Thomas Rottenberg/Der Standard/rondo/17/10/2008)

Zur Ansichtssache: Weniger wird mehr

  • "So, wie sich das Material anfühlt, glaube ich nicht, dass er mehr als250 Kilometer hält - aber ich lasse mich gerne überraschen."
    foto: hersteller

    "So, wie sich das Material anfühlt, glaube ich nicht, dass er mehr als250 Kilometer hält - aber ich lasse mich gerne überraschen."

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