Die Kunst des Grenzgangs

18. September 2008, 17:08
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Zwischen den USA und Mexiko, zwischen Klischee und Wahrheit, zwischen Rio Grande und Stacheldrahtzäunen, zwischen Hitze und Staub - Das neue Album von Calexico

Träume und Hoffnungen. Theorie und Alltag. Jesus und Tequila. Die Erzähler Ennio Morricone und Sergio Leone. Clint Eastwood sowieso. Und zum Drüberstreuen die Chronisten Jim Thompson und Sam Peckinpah.

Wenn die US-Band Calexico zu Hause in Tucson, Arizona, aus dem Fenster blickt, ist all das, real oder atmosphärisch, nicht fern. Im Gegenteil: Tucson, ihre Heimat, befindet sich wie die kalifornische Stadt, die dem Sextett als Namensgeber dient, mitten im US-amerikanischen Grenzland zu Mexiko. Diese Schnittstelle der Kulturen, die von der einen Seite brutal bewacht, von der anderen beständig unterlaufen oder überwunden wird, liefert Calexico nicht nur die Geschichten für ihre Lieder, sie versorgt sie auch mit der passenden Ästhetik. Einer Mischung aus mexikanischer Folklore und Rockmusik, in der Mariachi-Hörner gleichberechtigt neben der E-Gitarre stehen, Klave-Hölzer das Schlagzeug begleiten und spanische Zungen den Mond ebenso anheulen wie jene von Joey Burns, zusammen mit John Convertino Gründer, Sänger und Gitarrist von Calexico. Einzig die Polka, die im ebenfalls in dieser Schnittmenge angesiedelten Tex-Mex gerne gegeben wird, verkneifen sich Calexico. Aus dem Rest hat die Band seit ihrem Debüt vor elf Jahren eine wunderbare Mischung destilliert und eine beachtliche Karriere gemacht - vor allem in Europa, das für derlei Themen besonders anfällig ist.

Waren es zuerst oft nur verwischte, wie von Sandstürmen verwehte Miniaturen oder Instrumentals, die wie Soundtracks für nie gedrehte Filme wirkten, etablierte sich Burns schnell als charismatischer Sänger. Sein zärtliches Idiom deckt vom fußlahmen Trauermarsch bis zur euphorischen Grenzlandhymne alles ab.

Im inflationären Genre Americana zählen Calexico zu den Qualitätsgaranten. Ihr nun erschienenes sechstes Studio- album, Carried To Dust, pflegt diesen Ruf. Zwar vermeint man beim Erstkontakt ein "more of the same" zu vernehmen. Schließlich kommt selbst so ein offenes System wie Calexico hin und wieder an derselben Stelle vorbei. Man höre etwa das Instrumental El Gatillo (Trigger Revisited), das sich etwas zu sehr an den bislang größten Erfolg der Band anlehnt, an Crystal Frontier.

Das wissen Calexico, weshalb es ihnen längst um die Verdichtung und Verfeinerung ihrer Sujets geht. Deshalb gibt sich Carried To Dust zwar bald als atmosphärisches Meisterwerk zu erkennen, aber erst nach mehrmaligem Hören erkennt man das subtile Raffinement, mit dem das bewerkstelligt wird: etwa durch das Einstreuen von Stücken wie Writer's Minor Holiday. Ein staubtrockener Geradeaus-Song, der die ansonsten vorherrschende, gerne ein wenig ausladend arrangierte Emotionalität wohltuend verknappt.

Oder Man Made Lake, in dem Burns' Gitarre Feedback-Lärm generiert und das Stück damit etwas grimmiger erscheinen lässt als den Rest des tendenziell im Midtempo angesiedelten Werks. Dass danach Jacob Valenzuela zum Grenzgang-Landler samt Hüftschwung und Cerveza bittet und die Pedal-Steel-Guitar anschließend den Katzenjammer beweint - eh klar. Trotz aller Nähe und lauernder Gefahr tapsen Calexico bei ihren Grenzgängen nie in die Klischeefalle.

Das Schlimmste, was dieser Band blühen könnte, ist, dass sie selbst einmal in der eingangs angeführten Aufzählung landet. Als schlüssige Metapher. Als Wahrheit gewordene Vermutung. Als große Kunst. (Karl Fluch, RONDO - DER STANDARD/printausgabe, 19.09.2008)

Hinweis
Calecixo live: 21. 10. 1030 Wien, Gasometer, 20.00

  •  Calexico: "Carried To Dust" (City Slang/Universal)
    cover: city slang / universal

    Calexico: "Carried To Dust" (City Slang/Universal)

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