Schafe, Nasen, Äpfel

5. September 2008, 15:22
5 Postings

Ute Woltron beendet hiermit ihren Urlaub und steigt sofort in das frühherbstliche Erntegeschehen ein - Sie beginnt mit der Suche nach Äpfeln aller Art

Darf man den neuesten Meldungen einiger heimischer Supermarktketten Glauben schenken, so wird sich die Sortenvielfalt in den Obstregalen bald erhöhen. Es wurde angekündigt, dass man sich künftig wieder alter Obst- und Gemüsesorten besinnen und die auch zum Kauf anbieten wolle.

Das ist ein Trend, auf den man sich wahrlich einmal freuen darf. Er stellt quasi eine verfeinerte Fortsetzung der diversen biologisch-landwirtschaftlichen Aktivitäten dar - und das ist ein Feld, auf dem die kleinteilige österreichische Agrarwirtschaft international sowieso eine gewisse Vorreiterrolle innehat.

Außerdem werden sich, sollten tatsächlich beispielsweise wieder ein paar alte Apfelsorten ihren Weg in die Supermärkte finden, kulinarische Welten auftun, die die Älteren unter uns schon fast vergessen, die Jüngeren bis dato nicht gekannt haben. Denn der EU-genormte Status quo im Apfelregal ist ein geschmacklicher Tiefpunkt, der nicht mehr unterschritten und an Geschmacklosigkeit nicht getoppt werden kann.

Geschmacksvergleich

Wer's nicht glaubt, sollte Selbstversuche anstellen und sofort herbstliche Wanderungen über Wie- sen und Weiden zu Geschmacksvergleichen nutzen. Wo auch immer ein Apfelbaum am Wegesrand steht (einsam und ohne dazugehöriges Haus samt Besitzanspruch anmeldender Bewohnerschaft, versteht sich): aufklauben, reinbeißen, testen, und zwar egal, wie diese Äpfel ausschauen. Denn die schönsten Rotbacken müssen keineswegs die geschmackvollsten sein, das Auge isst in Sachen Äpfel ausnahmsweise nicht zwingend mit.

Das Paradebeispiel für einen eigentlich eher unschönen, dafür aber aromamäßig großartigen Apfel ist der steirische Maschanzker. Auch die unter Apfelkennern beliebte Lederrenette ist mit ihrer bräunlich-schorfigen Haut nicht unbedingt als Prachtstück zu bezeichnen, aber der Geschmack, der Biss, der Duft dieser Äpfelchen macht ihr mickriges Aussehen mehr als wett. Oder die Äpfel mit dem auch nicht gerade hübschen Namen Schafnasen - egal, kulinarisch sind die länglichen, gefleckten Früchte ein Gedicht.

Sollte es jemandem vor "Würmern" grausen: Nicht zimperlich sein. Erstens handelt es sich bei etwaigen Apfelbewohnern nicht um Würmer, sondern um die Raupe des Apfelwicklers, einer kleinen Falterart. Zweitens lebt die im Kerngehäuse. Drittens kann man die Sache ja auch als positiven Indikator dafür sehen, dass dieser Apfel ganz sicher nicht wie die meisten kommerziell vermarkteten mit Pestiziden aller Art verseucht wurde.

Drittwichtigste Welthandelsfrucht

Es gibt weltweit etwa 30.000 Apfelsorten. Äpfel sind nach Zitrusfrüchten und Bananen die drittwichtigste Welthandelsfrucht. Sie stammen ursprünglich aus Zentralasien und kamen wahrscheinlich über die Wege der Seidenstraße nach Europa. Mit ihrer Veredelung beschäftigten sich bereits die Römer, die wichtigsten Apfelsortenzüchter waren die Mönche des Mittelalters.

Es gibt für so gut wie jede heimische Lage die geeigneten Sorten, ein bisschen Recherche sollte man jedenfalls anstellen, bevor man selbst einen Apfelbaum pflanzt. Am besten in der Umgebung umschauen und bei den ortsansässigen Bauern nachfragen, was wo wie am besten gedeiht. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/05/09/2008)

Tipp:
Wer sich das zutraut, kann sich seine Bäumchen selbst ziehen, allerdings natürlich nicht aus Apfelkernen, sondern durch Veredelung. Ein "edles" Reis wird auf die geeignete Unterlage aufgepfropft, und mit ein bisschen Geschick, Sorgfalt und Glück wächst es tadellos an. Wem das allerdings zu lange dauert, kann in diversen Baumschulen oder etwa bei der "Arche Noah" seit einiger Zeit wieder jede Menge alter Sorten kaufen. Ein kultureller Aufschwung ist das, keine Frage!

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Es gibt weltweit etwa 30.000 Apfelsorten.

Share if you care.