Wettbewerbsprobleme hausgemacht

29. Jänner 2004, 20:02
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Wifo-Studie: Geringere Arbeitslosenraten im EU-Schnitt seit 1999, doch Anstieg in Österreich

Wien - Österreichs Position auf dem Weg der EU zur wettbewerbsfähigsten Wirtschaft ist nicht ganz großartig, wie das die Regierung vergangen Woche dargestellt hat. Das geht aus einer Studie des Wifo im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) hervor, in der die verschiedenen Indikatoren, die Österreich in Summe angeblich auf den dritten Platz im EU-Fortschrittsbericht zu den Lissabon-Zielen vorrücken ließen, differenziert darstellt werden. Der Wifo-Analyse zufolge hat sich Österreich bei 7 von 14 Indikatoren verschlechtert, bei fünf blieb es gleich und nur in zwei Fällen (Produktivität und F&E-Ausgaben) habe es Verbesserungen gegeben.

Die Indikatoren aufzusummieren und alle Länder in einen Topf zu werfen sei nicht sinnvoll, meinte Wirtschaftsforscher und Studienautor Ewald Walterskirchen heute vor Journalisten in Wien. Auch der Europäische Rat und die Kommission hätten schon vor einem Gesamtranking der Nationen nach einem solchen heterogenen ungewichteten Indikatorenschema gewarnt.

"Investitionen notwendig"

Gerade im Bereich Arbeitsmarkt, aber auch Bildung, Forschung & Entwicklung ortet die Studie Defizite. "Wenn Österreich seine Position beim Lebensstandard halten will, sind Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung und Informationstechnologien notwendig", so Walterskirchen.

Das Ausgangsniveau Österreichs in den 90er Jahren vor allem bei der Wirtschaftskraft sei tatsächlich hoch gewesen und auch angesichts der internationalen Entwicklung sicher schwierig zu halten, räumte Walterskirchen ein. In der aktuellen Entwicklung Österreichs sei aber "praktisch alles hausgemacht", weil ja auch alle anderen EU-Länder von den internationalen Wirtschaftstrends betroffen seien. Auch die EU-Kommission bescheinige Österreich zwar ähnlich wie Luxemburg ein hohes Ausgangsniveau, bezeichne den Fortschritt in Österreich wörtlich als "eher enttäuschend". Es gelte die vorhandenen Spielräume zu nützen, betonte Walterskirchen.

Extrem niedrige Beschäftigung der Alten

Der reine Focus auf die - im EU-Vergleich - niedrige Arbeitslosenquote in Österreich, verzerre bei der Beurteilung der Situation am Arbeitsmarkt das Bild, so der Wirtschaftsforscher. Noch dazu, weil sie mit der extrem niedrigen Beschäftigung bei Arbeitnehmern zwischen 55 bis 64 Jahren erkauft sei. Die Beschäftigungsquote in dieser Altersgruppe ist nur in Italien, Luxemburg und Belgien noch niedriger als in Österreich.

Betrachte man auch die - wichtige - Beschäftigungsquote, liege Österreich mit seinem Plus von 0,2 Prozentpunkten ebenfalls deutlich hinter der EU-Entwicklung von plus 0,6 Prozentpunkten zurück. Beim genaueren Hinsehen zeige sich zudem, dass auch das kleine Plus in Österreich noch kritisch zu beurteilen sei: Der Schub bei der Beschäftigung, vor allem bei Frauen, rühre von der Verlängerung der Karenzzeit im Zuge der Kindergeld-Einführung her.

Mittelfeld

Unter Einbeziehung aller dieser Aspekte liegt Österreich hier nur noch im EU-Mittelfeld. Zudem sei die Arbeitslosenquote im EU-Schnitt zwischen 1999 und 2002 gesunken, während sie in Österreich gestiegen sei.

Im Bereich Bildung wiederum liege Österreich zwar bei der Erstausbildung tatsächlich im oberen Mittelfeld in der EU. Beim lebenslangen Lernen oder auch bei den Universitätsabschlüssen in naturwissenschaftlichen Fächern stelle sich die Situation völlig anders dar. Dies könne dazu beitragen, dass die Forschungs- & Entwicklungsquote "nicht so forciert wird wie gewünscht", sagte der Wifo-Experte.

"Österreich lebt von seiner Vergangenheit"

Walterskirchens Prioritätenliste für notwendige Maßnahmen wird dementsprechend auch vom Bereich Bildung angeführt, gefolgt von mehr Aktivitäten bei Forschung & Entwicklung und in der Informationstechnologie - gerade bei den Unternehmen. Im Bereich Arbeitsmarkt sollte etwas gegen die fehlenden Lehrstellen unternommen werden.

"Österreich lebt von seiner Vergangenheit", kritisierte Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel das Kraut-und-Rüben-Ranking der Regierung und forderte neuerlich das "Konjunkturpaket" der AK umzusetzen.(APA)

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AK

  • Österreichs Position auf dem Weg der EU zur
wettbewerbsfähigsten Wirtschaft ist nicht ganz großartig, wie das die
Regierung vergangen Woche dargestellt hat
    foto: derstandard.at

    Österreichs Position auf dem Weg der EU zur wettbewerbsfähigsten Wirtschaft ist nicht ganz großartig, wie das die Regierung vergangen Woche dargestellt hat

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