Wilde Weiber im Neandertal

27. Jänner 2004, 12:24
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Courtney Love veröffentlicht ihr erstes Soloalbum - Im Rennen um den größtmöglichen Courtney-Love-Faktor haben allerdings Melissa auf der Maur und Brody Dalle die Nase vorn

Wien - Zwischendurch muss man den Kindern auch wieder einmal vom Krieg erzählen: Waren das noch Zeiten, als die bald darauf mit Kurt Cobain von Nirvana verheiratete Courtney Love mit ihrer Band Hole 1991 stockbetrunken ein "Konzert" im Wiener U 4 gab! In der Ära des Grunge vertrat sie abseits der männlichen Kollegenschaft wie Mudhoney, Tad und vor allem Nirvana, die im selben Jahr mit Nevermind zum neuen Rock-Mainstream aufstiegen, damals als "Riot Grrrl" neben anderen wilden Weibern wie Babes In Toyland oder L 7 einen neuen Frauentypus im Rock.

Zuvor hatte eine Madonna ein ganzes Jahrzehnt lang im großen Stil daran gearbeitet, mit diversen Tabubrüchen ein selbstbestimmtes Frauenbild zu schaffen. Dieses wollte die Kunst des inszenierten Skandals, des Aus-der-Rolle-Fallens mit millionenschwerer Unterstützung einer Marketingmaschinerie nicht länger den Männern im Geschäft überlassen. Courtney Love versuchte mit kaputtem Rock als selbst ernannte Teenage Whore ihres Debütalbums Pretty On The Inside im stinkigen Keller des Underground dasselbe mit derberen Mitteln in den Schatten zu stellen.

Material Girl? Von wegen. Material Junkie! Aggressiver Rudimentärfeminismus als einziger Rausch. Übrig blieb schließlich nicht viel weniger als Katerstimmung und die offensichtlich immer währende Mittelschicht-Teenager-Depression der Vorstädte, die seit den 70er-Jahren in der US-Kultur als geradezu typisch gewertet werden muss.

Feister Rock

Im April 1994, kurz nach dem Selbstmord von Kurt Cobain, begannen nicht nur wüste Verschwörungstheorien bezüglich der Rolle von Courtney Love dabei zu kursieren. Mit dem zufällig nur eine Woche nach Cobains Tod veröffentlichten Hole-Album Live Through This und seiner emotional hochgradig aufgeladenen Lyrik wurde die Blaupause von Nirvanas Erfolgsformel, einer dem US-Hardcore ebenso wie dem klassischen Rock verpflichteten Stop-&-Go-Dramatik bei melodiöser Schwere, noch ein letztes Mal stimmig auf den Punkt gebracht.

Kein Wunder, dass man Love unterstellte, dass hier Cobain heimlich im Hintergrund die Songs komponiert hätte. So viel Frauenfeindlichkeit muss im Rock schließlich immer sein. Frauen und Gitarren? Penisersatz. Guten Morgen im Neandertal!

Fest steht allerdings eines: Zwar startete Courtney Love als Schauspielerin in Larry Flynt oder Man On The Moon eine mittelprächtig Richtung Sand verlaufende Hollywood-Karriere. Die 1998 nach ewigen Schwierigkeiten zustande gekommene Nachfolgearbeit von Hole, Celebrity Skin, artikulierte statt alter Aggressivität aber mehr die Nöte einer durch ewige Drogenprobleme und Hickhack bezüglich des Nirvana-Nachlasses längst etablierten Yellow-Press-Institution. Uninspirierte Songs wie Boys On The Radio, Use Once & Destroy und das Titelstück sprechen für sich.

Musikalisch parkte man das Ganze mit US-Formatradio-Powerpop, in dem Loves gequälte Beschwerdestimme noch das einzige störende Element ist, in der Ramschkiste.

Die letzten Jahre hörte man von Love nur, dass sie eine filmische Dokumentation über das Leben und den Tod von Kurt Cobain gerichtlich verhindern wollte, dass sie sich mit den ehemaligen Nirvana-Musikern herumzankte, dass sie sichtlich verwirrt durch eine Folge der Osbournes torkelte und davon, dass ihr jetzt wegen Drogenbesitz die Erziehungsberechtigung für ihre Tochter entzogen werden soll.

Love braucht also nach dem unrühmlichen Ende von Hole mit ihrem Soloalbum America's Sweetheart dringend einen Erfolg. Man hört es den stromlinienförmigen und stark dem verschmockten Rock von Aerosmith verpflichteten neuen Liedern an.

Wer sich der von Pink, den besagten Aerosmith und von ihrer eigenen alten Band 4 Non Blondes (What's Up?) bekannten Songwriterin Linda Perry als helfender Hand anvertraut, sich aber den textlich wie musikalisch feisten und klischeehaften Mittelklasse-Rock von Stücken wie Sunset Strip oder Mono oder eine Wunderkerzenballade wie Uncool antut, muss schon sehr verzweifelt sein. Eine traurige Angelegenheit.

Zumindest musikalisch wird Love gerade von ihrer alten Bassistin Melissa auf der Maur mit ihrem Solodebüt Auf der Maur geschlagen. Die holte sich statt Reißbrettarbeiterinnen wie Linda Perry tatsächliche Kapazunder, etwa den neuen US-Underground-Gott Josh Homme von Queens Of The Stone Age. Zwar wackelt hier auch der Bierbauch erheblich wegen der schweren Rhythmen. Es klingt aber im Gegensatz zu Love ungleich zeitgemäßer und relevanter.

Als Role-Model der starken Frau für junge Menschen haben beide keine Chance mehr. Damit sich der Kreis schließt: Brody Dalle, ehemals mit dem heutigen Pink-Produzenten Tim Armstrong von den US-Punks Rancid verheiratet und heute mit Josh Homme liiert, brettert jetzt mit ihren Distillers auf Coral Fang zwar auch nur einschlägigen und auf Fasson gebrachten Gardemaß-Punkrock für frustrierte Teenager: "Beat your heart out!" Ihr aggressiver Habitus und ihre Courtney Loves Gebrüll locker in den Schatten stellende Stimme werden bei der Zielgruppe 2004 aber mit Sicherheit besser ankommen.

Nachsatz: Melissa auf der Maur gastiert live in Öster- reich, am Di., 27. 1., im Wiener Gasometer, ab 20.00. Der Rest dürfte im Sommer bei den großen Festivals folgen. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2004)

  • Drei Frauen und der schwere Rock: Melissa auf der Maur,
    foto: warner

    Drei Frauen und der schwere Rock: Melissa auf der Maur,

  • Courtney Love
    foto: emi

    Courtney Love

  • und Brody Dalle von den Distillers,  beschwören alte musikalische Werte.
    foto: emi

    und Brody Dalle von den Distillers, beschwören alte musikalische Werte.

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