Das Sündenregister der globalisierten Wirtschaft

19. Jänner 2004, 18:42
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Ein Lexikon der härtesten Vorwürfe der Globalisierungskritik

Politische Reizthemen wie der Irakkrieg überlagern die ökonomischen und sozialen Themen des Sozialforums, um die es in Bombay eigentlich geht. Das folgende Lexikon stellt die härtesten Vorwürfe der Globalisierungskritiker dar.

  • Agrarsubventionen

    Während die USA, Japan und die EU den Freihandel predigen, subventionieren sie ihre Bauern mit 300 Milliarden Dollar im Jahr und berauben damit die Entwicklungsländer ihrer oft einzigen Exportchancen auf dem Weltmarkt.

  • Aidsbekämpfung

    Während Milliarden für die Eforschung von Zivilisationskrankheiten ausgegeben werden, fehlt das Geld, mit dem Aids in Afrika effektiv bekämpft werden könnte. Die Pharmakonzerne wehren sich weiter gegen die Verbreitung billiger Generika.

  • Deregulierung

    Die geplante Liberalisierung der Dienstleistungen durch das GATS-Abkommen gefährdet das soziale Netz und öffentliche Leistungen wie Bildung und Wasser in vielen Staaten.

  • Entwicklungshilfe

    Im Angesicht knapper Kassen sinken die Gelder für Entwicklungszusammenarbeit; bestehende Mittel werden zur Exportförderung oder der Finanzierung unnötiger Prestigeobjekte missbraucht.

  • Freier Kapitalverkehr

    Die Kapitalliberalisierung bringt westlichen Banken Milliardengewinne, hat aber die Entwicklungsländer von kurzfristigem Kapital abhängig gemacht und verursacht regelmäßige Finanzkrisen. Attac fordert deshalb eine Besteuerung von Devisentransaktionen, die Tobin-Steuer.

  • Gentechnik

    Die Verbreitung genveränderter Saaten fördert die Abhängigkeit der Bauern von den großen Agrarkonzernen und verursacht unberechenbare Risiken für Gesundheit und Umwelt.

  • IWF

    Die Rezepte des Internationalen Währungsfonds zur Beilegung von Finanzkrisen folgen dem "Washingtoner Konsens": Sozialabbau und Inflationsbekämpfung statt Stärkung der Nachfrage. Die Folgen sind noch weniger Wachstum und mehr Armut.

  • Kinderarbeit

    Multinationale Konzerne schauen weg, wenn Zulieferbetriebe in vielen Ländern Kinder zu Hungerlöhnen beschäftigen. Das drückt die Kosten und hebt die Gewinne.

  • Lohndumping

    In der globalisierten Weltwirtschaft wandern Produktionsstätten stets in die Länder mit noch niedrigeren Arbeitskosten. Besser bezahlte Jobs gehen dadurch ständig verloren.

  • Multinationale Konzerne

    Sie zahlen kaum Steuern, kassieren Subventionen und entledigen sich vieler öffentlicher Beschränkungen. Staaten, die etwa inländische Zulieferer oder Reinvestition von Gewinnen fördern wollen, werden von den USA und dem IWF daran gehindert.

  • Privatisierung

    Durch das Diktat der Privatisierung verlieren Staaten ein wichtiges Steuerungsinstrument für die Wirtschaft. Öffentliche Leistungen werden teurer und schlechter, während die neuen Eigentümer Gewinne kassieren.

  • Rüstungsexporte

    30 Milliarden Dollar betragen die internationalen Waffenverkäufe im Jahr, fast die Hälfte davon kommt aus den USA. Die Mittel dafür fehlen dann für Sozialleistungen, und die Waffen schüren neue Konflikte.

  • Schuldenkrise

    Durch Zinszahlungen für Milliardenschulden fließen Jahr für Jahr Gelder von den armen zu den reichen Ländern. Eine wirksame Entschuldung scheitert am Widerstand von Banken und Regierungen.

  • Steueroasen

    Durch die Ausnützung des Steuerwettbewerbs und Steueroasen zahlen gerade die Reichsten die geringsten Steuern und berauben die öffentliche Hand wichtiger Einnahmen. Das fördert Sozialabbau und Ungleichheit.

  • Umweltzerstörung

    Großkonzerne verlagern ihre Produktion in die Länder mit den geringsten Umweltauflagen und tragen zum Raubbau an der Umwelt und den Wäldern bei. Importverbote für umweltschädliche Produkte werden von der WTO unterbunden.

  • WTO

    Die Freihandelsregeln der Welthandelsorganisation dienen vor allen den Interessen der reichen Länder und hindern alle Regierungen daran, ihre Wirtschaft wirksam zu kontrollieren.

(DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2004)
von Eric Frey
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