Thermen kämpfen gegen Gäste-Schwund

23. Jänner 2004, 19:10
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Experten sehen viele der neuen Projekte als Pleiten von morgen - Der Wellness-Boom ist vorbei: Erstmals Minus erwartet

Wien - Manche Lokalpolitiker werden es nicht gerne hören wollen: Der Markt für die seit Jahren viel bejubelten Thermenprojekte wird eng. Viel zu eng für die insgesamt zwanzig neuen Projekte, die derzeit österreichweit in der Pipeline sind. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Wiener Consulter Kreutzer Fischer & Partner. Andreas Kreuter im Gespräch mit dem STANDARD dazu: "Der Schein trügt. Alle reden noch immer vom Wellnessboom, tatsächlich verzeichnet man einen Gästeschwund."

2003 habe der seit langem anhaltende Aufwärtstrend (2001 noch plus 8,5 Prozent) mit 0,5 Prozent erstmals ins Minus gedreht. Dafür verantwortlich waren die schwache Konjunktur, gepaart mit Preisen, bei denen viele ins Schwitzen kamen. Und auch der Chef der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), Sepp Schellhorn, bestätigt auf Anfrage, dass "rund ein Drittel der Urlauber, die heuer im heimischen Warmwasser geplanscht haben, überlegt, den nächsten Thermenurlaub im Ausland zu verbringen".

Unsinn

Weil sich der Gästestrom verlangsamt, meinen beide, dass manche der neuen Thermenprojekte faktisch in einer vorprogrammierten Pleite enden könnten bzw. touristischer Unsinn sei. Als Beispiel führt Schellhorn etwa eine geplante Therme im salzburgischen Lend an, wo man "eine Bäderlandschaft in eine gastronomische Wüste setzen will und es noch dazu Befürchtungen gibt, dass eine Lender Bohrung den Wasserdruck für das gesamte Gasteinertal extrem absenken würde".

Zurzeit buhlen bereits 26 öffentliche Thermentempel um die Gunst der Urlauber. Am besten halten sich dabei das steirische Thermenland (1,9 Mio. Besucher), Oberösterreich (1,4 Mio.) und das Burgenland (750.000 Besucher). Gerade in den steirischen und burgenländischen Destinationen könnten die Einnahmequellen jedoch bald viel spärlicher sprudeln. Mit Slowenien und Ungarn ist Österreich von richtigen Thermen-Hochburgen umgeben, wo man, laut Kreutzer "um 40 Prozent billiger relaxen kann".

Allein in Ungarn sind in den letzten fünf Jahren 370 Mio. Euro in Bäderprojekte geflossen. In leicht erreichbarer Entfernung stehen dem österreichischen Touristen schon jetzt sieben Thermen offen.

In Slowenien sind es zehn. Schellhorn geht davon aus, dass mit der EU-Mitgliedschaft in diese Länder auch noch erkleckliche EU-Fördermittel fließen werden. Um konkurrieren zu können, stehe den heimischen Thermenbetreibern nur die "Spezialisierung" offen. Eine Meinung, die auch der Consulter unterschreibt. Er hält es für einen gravierenden Fehler, dass "jetzt alle zur Familien- und Erlebnistherme tendieren, was den Konkurrenzdruck dort erhöht und die Positionierungsprobleme verschärft." (Monika Bachhofer, DER STANDARD Printausgabe, 16.1.2004)

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    Die schwache Konjunktur und Preise, bei denen so mancher ins Schwitzen kam, stoppten den langjährigen Aufwärtstrend im Thermentourismus

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