Die Rückkehr der Ritter der Taferl-Runde

21. Jänner 2004, 15:59
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Oder: Gut geworfen, schön gesagt – Anmerkungen zum Steuerreform-Sonntagstalk im ORF - Kommentar der anderen von Stefan Naglis

Der Terminus "Wurf" fand seine ursprüngliche Anwendung bei der Geburt von landwirtschaftlichem Nutzvieh oder Tieren im Allgemeinen. Gebar eine Kuh so an die sieben bis acht Kälber, so konnte man guten Gewissens von einem "großen Wurf" sprechen.

Ob nun die Steuerreform auch ein solcher war oder doch nicht, dies zu klären blieb auch der illustren Diskussionsrunde im Sonntagabendprogramm des ORF verwehrt. Eine Tatsache brachte das Fachsimpeln im Haas-Haus allerdings ans Tageslicht: Jörg Haider hat sich groß zurück geworfen, pardon, zurück katapultiert in die Bundespolitik.

Klar, nach knapp 17 Jahren im politischen Rampenlicht verliert man ein wenig an Glanz, aber seine Fähigkeit, sich medial zu inszenieren, scheint nach wie vor ziemlich intakt zu sein. Kaum einer versteht es besser, das zu sagen, von dem er denkt, dass es die vor dem Kastl Hockenden großteils ebenfalls denken. Gewerkschaftsvertreter und Oppositionspolitiker können sich auf diesem Gebiet noch so sehr abmühen, das Schulbuben-Image kriegen sie neben ihm nicht und nicht los.

Sogar die legendären Taferln feierten an diesem Abend ein Comeback. Die Idee wurde zeitgemäß adaptiert und nun im Teamwork mit dem Finanzminister, der sich mittlerweile offenkundig im Haiderschen Fegefeuer befindet, ausgespielt. ("Jörg, host Du des Tarif-Modell-Taferl dabei?")

Ein einziges Mal ist dem Geworfenen aber doch das Ladl runter gefallen, wie man so schön sagt.

Diesen historischen Moment verdanken wir dem Grünen-Chef (welcher nebstbei großzügig darüber hinweg sah, dass ihn Christoph Leitl als "Herr Bellen" ansprach). Der Herr Professor also war am Wort, hielt dann jedoch plötzlich inne, ehe er sich direkt Jörg Haider zuwandte. Zwischen dem Stop und dem Go baute sich eine ungewöhnlich lange Pause auf, weil van der Bellen auch noch zu schmunzeln begann. "Ja, kleiner Mann!", sprach er dann in fast erausfordernden Ton zu Haider – und pausierte ein zweites Mal. Diesmal um aus dem Schmunzeln ein – fast genüssliches – Grinsen zu formen und um den Moment auszukosten, in dem man denken mochte, der Herr Professor besäße die Kühnheit, den Herrn Landeshauptmann als "kleinen Mann" anzusprechen.

Die Pointe folgte zeitgerecht: Der Grünen-Chef äußerte sich zur Steuerbelastung des "kleinen Mannes". Danke Herr Bellen. Danke ORF! (DER STANDARD, Printausgabe vom 14.1.2004)

Stefan Naglis, ausnahmsweise positiv überraschter ORF-Konsument.
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