Ermittler wollen Banker befragen

4. Jänner 2004, 18:46
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Firmengründer Tanzi und Ex-Finanzchef Tonna schieben sich die Schuld am Parmalat-Debakel gegenseitig zu

Rom - Die Staatsanwaltschaft von Parma, die um die Insolvenz des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat ermittelt, erwägt die Vernehmung einflussreicher Bankiers, die in den letzten Jahren enge Verbindungen zum Milch-Multi hatten.

Die Ermittler hatten am Mittwoch bereits den Präsidenten der zweitgrößten italienischen Bank San Paolo IMI, Rainer Masera, vernommen. Zu den größten Gläubigerbanken Parmalats zählen neben San Paolo IMI, die größte italienische Bank Intesa und das römische Geldhaus Capitalia.

Bank of America im Visier

Die Ermittler überprüfen vor allem die Position des US-Geldhauses Bank of America. Die Bank hatte zwar vor zwei Wochen die Existenz eines Guthabens von 4 Mrd. Euro für Parmalat auf den Cayman-Inseln und jegliche Kontakte mit dem Nahrungsmittelkonzern abgestritten. Die Ermittler vermuten jedoch, dass Funktionäre der Bank in lateinamerikanischen Ländern enge Kontakte mit Parmalat-Töchtern pflegten.

Schwierig ist auch die Position der amerikanischen Bilanzprüfungsgesellschaft Grant Thornton, nachdem am Mittwoch der Präsident der italienischen Filiale, Lorenzo Penco, und ein weiterer Mitarbeiter festgenommen wurden. Die Gesellschaft mit Sitz in Boston und Chicago hat in den vergangenen Jahren die Bilanzen einer Parmalat-Tochtergesellschaft auf den Cayman-Inseln geprüft und testiert.

"Er war's, er war's .."

Aus den Vernehmungen der Parmalat-Manager, die seit Mittwoch in der Mailänder Strafanstalt San Vittore hinter Gittern sitzen, ging hervor, dass einander Parmalat-Gründer Calisto Tanzi und sein Ex-Finanzchef Fausto Tonna weiterhin die Verantwortung für die großangelegten Bilanzfälschungen und Betrugsmanöver zuschieben.

Tonna behauptete, die meisten Mitglieder des Verwaltungsrates und die beiden Buchprüfer von Grant Thornton seien über die Bilanzfälschungen informiert gewesen, berichteten italienische Medien. Der kolossale Betrug sei von Tanzi initiiert und gefördert worden.

"Stark bedrückt"

Tanzi wurde am heutigen Freitag von einigen Ärzten des Mailänder Gerichts untersucht, nachdem seine Rechtsanwälte wegen des angeblich angeschlagenen Gesundheitszustands des Industriellen einen Antrag auf Hausarrest eingereicht hatten. "Tanzi ist stark bedrückt", sagte der Kardiologe Livio Deicas, der den Großunternehmer untersuchte.

Tanzi, der 1999 einen Herzinfarkt erlitten hatte, war einer Bypass-Operation unterzogen worden. Der "entthronte Milchkönig" befindet sich seit vergangenem Samstag in Untersuchungshaft. Zu Neujahr wurde er von seiner Frau Anita besucht. (APA)

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