Umschlungene Millionen

2. Jänner 2004, 16:15
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Völkerverständigung und PR-Aktion: Riccardo Mutis viertes Neujahrskonzert

Riccardo Muti bezeichnete die TV-Übertragung des Neujahrskonzertes als klingende Botschaft zur Völkerverständigung. Auf alle Fälle ist sie auch eine gigantische PR-Aktion für die bald erscheinende Plattendokumentation dieses Events.


Wien/Welt - Jetzt sind es ja fast nur noch Stunden, die zwischen dem jeweiligen Neujahrskonzert und dessen Vermarktung als CD liegen. Und wenn die Philharmoniker in dieser Hinsicht so weiter akzelerieren, scheint es nicht mehr ganz ausgeschlossen, dass die Scheibe schon vor dem Ereignis erworben werden kann.

So lange dieser metaphysische Zeitsprung noch nicht gelingt, darf die Übertragung dieses alljährlichen Strauß-und Lannerbegängnisses unbestritten als die mondial größte Werbeveranstaltung für einen (Schön-)Tonträger bezeichnet werden.

Das Publikum, das sie erreicht, geht nämlich in die Millionen. Die einen sprechen von 40, andere von 50. Und weil man beim Zählen nicht so genau ist, sprechen wieder andere gar von Milliarden.

Heuer allerdings nicht die Italiener, die, wie hierzulande mit verhaltenem medialem Maulen registriert wurde, nun in ihrem neu eröffneten Opernhaus La Fenice in Venedig in einem mit eigenen Hausheiligen wie Verdi bestückten Neujahrskonzert erstmals selber zur klingenden nationalen Identitätsfindung antreten.

Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht an jedem Neujahrstag durch den Radetzkymarsch als unvermeidlichen Abschluss des festlichen Wiener Neujahrsevents an ihren einstigen Clinch mit den Habsburgern erinnert werden möchten. Und dies just in einem Jahr, an dem Italiens Maestrissimo, Riccardo Muti, - übrigens schon zum vierten Mal - die Philharmoniker kommandierte.

Wer im Fall eines philharmonischen Wiener Neujahrskonzertes wen dirigiert, ist eine immer wieder diskutierte Frage. Zählt man zu den zweitausend Erwählten, die am Neujahrstag in den Goldenen Saal des Musikvereins dürfen, lässt sich das schwer feststellen. Ist man jedoch einer von den Millionen oder Milliarden Namenloser, die diese Vorgänge auf dem Bildschirm verfolgen, befindet man sich zweifellos im Vorteil. Und dies in mehrfacher Hinsicht.

Diskrete Bildregie

Obwohl Brian Large in seiner meisterhaften Bildregie diesmal, was Detailaufnahmen der Mitwirkenden anlangt, von vorbildlicher Diskretion war, waren die Spuren einer langen Silvesternacht an einigen der philharmonierenden Herren - übrigens auf sehr sympathische Weise - unübersehbar. Da war von so manchem Antlitz bleierne Müdigkeit ablesbar, die höchstens den Blick in die Noten zulässt, aber keinen mehr auf den, wenn auch mit Brille aufmerksam in der Partitur blätternden, so doch um gestische Eindringlichkeit bemühten Maestro.

Dennoch wäre es voreilig zu sagen, Muti hätte gestisch ausschließlich auf das Spiel der Philharmoniker reagiert. Bei der etwas schlaffördernden Programmwahl hatte er vor allem im ersten Teil des Programms immerhin doch als wach haltender Pultentertainer alle Gliedmaßen voll zu tun, um gemessenen Piecen wie Sperlpolka und Philomenen-Walzer von Johann Strauß Vater einigermaßen auf die Drei- und Vierviertelsprünge zu helfen.

Eindeutig bevorzugt war der TV-Konsument zweifellos während Josef Lanners Hofballtänzen, die möglicherweise nicht jeden der im Goldenen Saal Lauschenden vom Samtsessel gerissen haben mochten.

Optische Brücken

Für das Fernsehen hatte man zur optischen Überbrückung eine Filmdokumentation des Wiener Palais Liechtenstein vorbereitet, die man in ihrer fantasievollen Gestaltung und ihrer Harmonie mit den Emotionen der Musik ohne weiteres als beispielhafte architektonische Choreografie bezeichnen könnte.

Von patriotisch aufrüstender Wirkung mochte am Schluss dieser Nummer nach den vielen übergewichtigen Aristokraten, die man quelläugig von den Fresken blicken sah, dann wohl der Kameraschwenk auf das in trauter Dezenz plaudernde, idealgewichtige bundespräsidiale Paar gewesen sein.

Der vom St. Petersburger Choreografen Boris Eifman gestaltete choreografische Rest (Accellerationen-Walzer und Champagner-Polka) präsentierte allerdings - trotz Mitwirkung des renommierten Solisten José Carreno - nicht mehr als enttäuschende Zuckerlkonvention.

Österreich von seinen schönsten Seiten zeigte auch Felix Breisachs Pausenfilm. Wie ein filmischer Tourismusfolder mochte er den vielen Millionen oder Milliarden, die Austria noch immer mit Australia verwechseln, tatsächlich lange Zähne auf Wien, Salzburg, die Wachau, Graz oder den Neusiedler See gemacht haben.

Der österreichische Eingeborene fand sich allerdings höchstens bei der über den Semmering schnaufenden Dampflok an die Wirklichkeit erinnert. Wirkte diese Passage doch wie ein visionärer Blick in die reformierte Zukunft von Österreichs Bundesbahnen.

Keiner Reform allerdings bedürfen die Werke der Strauß-Söhne, die im zweiten, dem belebteren Teil dieses Neujahrskonzerts zu hören waren. Etwa die Sphärenklänge von Sohn Joseph oder Johanns Polka Im Sturmschritt. Und erst recht nicht der Donau-Walzer.

Die Philharmoniker spielen das alles natürlich mit vollendeter Delikatesse. Wahrscheinlich sogar im Schlaf. Und schon gar nach einer Silvesternacht.

Wären sie alle ausgeschlafen, wäre ihre Perfektion wohl gar nicht mehr zu ertragen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2004)

Von Peter Vujica
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    Riccardo Muti, Hobby-Musketier

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