Ein Geschäftsmann stellt Madagaskars Uhren neu

5. Jänner 2004, 10:42
4 Postings

Marc Ravalomanana rechnet mit dem alten Regime ab und legt die Basis für den Aufschwung im Inselstaat

Wien/Antananarivo – Zwischen zwei Routineverhandlungen über Viehdiebstähle hat ein Strafgericht in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo noch schnell zehn Jahre Arbeitslager über den geflüchteten früheren Staatschef Didier Ratsiraka verhängt. Zwölf Jahre Arbeitslager wegen Veruntreuung und Gefährdung der nationalen Sicherheit sind es vergangene Woche für seinen Premierminister, Tantely Andrianarivo, geworden. Und noch warten mehrere Hundert Ratsiraka-Anhänger laut Menschenrechtsorganisationen in den Gefängnissen des Inselstaats auf einen Prozess. Recht zimperlich geht Madagaskars neue Führung bei der Abrechnung mit dem alten Regime nicht eben vor.

Doch eineinhalb Jahre nach dem Antritt von Staatspräsident Marc Ravalomanana, der seinen Anspruch auf den Wahlsieg im Dezember 2001 erst nach einem monatelangen Machtkampf durchsetzen konnte, sind die Uhren auf der Insel im Indischen Ozean – siebenmal so groß wie Österreich – auf die neue Zeit gestellt. Die Institutionen der Republik seien wieder hergestellt, alle Wahlen abgeschlossen, meint Ravalomanana zufrieden, der Anfang dieses Monats zur Jahreskonferenz der UN-Organisation für industrielle Entwicklung (Unido) nach Wien reiste und potenzielle Auftragnehmer für den Bau von Straßen, Eisenbahnlinien und Kraftwerken suchte.

Ein Schnellredner

9,6 Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr haben selbst die Beobachter der Weltbank überrascht, die mit einer viel langsameren Erholung nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen Anfang 2002 gerechnet hatten. Der relative Aufschwung auf der Insel wird dem neuen, 54-jährigen Staatschef zugeschrieben, einem Schnellredner, der seine Zeit abmisst, weit mehr Geschäftsmann als ausschweifender Politiker, der sein Handwerk in den Schulen im früheren kolonialen Mutterland Frankreich gelernt hätte.

Didier Ratsiraka, der "Rote Admiral", war aus diesem Holz. Staatschef mit sozialistischem Programm von 1975 bis 1991 und, demokratisch gewendet, erneut von 1997 bis zu seiner Flucht im Juli 2002, liebte das große Wort. Heute sitzt der 67-Jährige in seinem Pariser Exil und schreibt die Liste ehemaliger Autokraten fort, denen Frankreich ihr Gnadenbrot gibt. Natürlich habe er Geld verschoben, sagt Ratsiraka, sogar noch viel mehr als die umgerechnet sieben Millionen Euro, die er kurz vor seiner Flucht abheben ließ, wie ihm sein Nachfolger Ravalomanana vorwirft – "aber nur, um das Land am Leben zu erhalten".

Die Wirtschaft wachse schnell, meint Madagaskars neuer Staatschef nun, doch die Mentalitäten im Land zu ändern sei viel schwieriger. Ravalomanana, ein Selfmademan, der mit einer kleinen Joghurtproduktion startete und zu einem der reichsten Geschäftsmänner des Inselstaates wurde, zählt seine Prioritäten auf: Ausbau der Infrastruktur, Bildung, Kampf gegen Aids.

Bei internationalen Finanzgebern – Weltbank, UN, EU – hat Ravalomanana Kreditzusagen in Milliardenhöhe eingesammelt. Die Ministergehälter ließ er verfünffachen – um die Korruption einzudämmen. Auch wenn er Paris, das lange Ratsiraka stützte, weiter als "strategischen Partner" bezeichnete, möchte Ravalomanana die Insel wohl wirtschaftlich und politisch von Frankreich abnabeln. Ein symbolischer Schritt ist getan: Der Madagaskar-Franc wird abgeschafft, die neue Landeswährung ist der Ariary. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2003)

von Markus Bernath
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Marc Ravalomanana

Share if you care.