Originell: Ja bitte, aber nach Maß!

29. März 2006, 14:56
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Mit originellen Bewerbungen kann man sich von der Masse abheben, sie können aber auch kontraproduktiv sein

"Kreativität in Bezug auf eine Bewerbung bedeutet zunächst ,auffallen', um gesehen zu werden. Denn wenn sie nicht gesehen wird, kann sie nicht gelesen und verstanden werden und damit das Produkt auch nicht gekauft werden", konstatiert Headhunter Georg Unger. "So gesehen muss also auch jede Bewerbung kreativ sein", analysiert der Senior Client Partner & Global Leader für die Sparte Werbung und Marketing Services des weltweit zweitgrößten Executive-Search-Unternehmens, Korn Ferry. Besonders schwer sei das Auffallen in Umfeldern, die auf Auffallen getrimmt seien. Chefs von Werbeagenturen zum Beispiel würden regelrecht überschüttet mit kreativen Bewerbungsschreiben. "Die sind zum Teil peinlich, weil ,gezwungen kreativ'", analysiert Unger und empfiehlt starke Botschaften, die dennoch natürlich wirken, zu kommunizieren.

Weniger kreativitätsverwöhnt ist die Industrie. "Bei der Vielzahl von Bewerbungen, die wir jährlich erhalten, haben diejenigen gute Chancen, in die nähere Betrachtung zu kommen, die sich durch Kreativität von anderen unterscheiden.

Begeisterung

Ausschlaggebend für die weitere Prüfung sind jedoch die Fähigkeiten und die bisher gezeigten Leistungen der Menschen und insbesondere ihre Begeisterung, für den VA-Tech-Konzern zu arbeiten", so Erich Becker, Vorsitzender des Vorstandes der VA Technologie AG.

Auch für Thomas Albertani, Leiter der Personalentwicklung Rauch Fruchtsäfte GmbH, geht Inhalt vor Form: "Wichtig ist mir bei aller Kreativität, dass die Lesbarkeit erhalten bleibt und auch wirklich alle wichtigen Informationen im Bewerbungsschreiben enthalten sind."

An Adalbert Mraz, Director Human Resources der mobilkom austria AG, gingen drei im wahrsten Sinne des Wortes "merkwürdige" Sendungen: eine Vitamintablette in einer Bewerbung für einen Ferialjob mit der Begründung: "das ist mein einziges Vitamin B", eine Mannerschnitte als Beilage mit dem Zusatz "um Ihre Entscheidung für eine Einladung zu einem Gespräch zu versüßen" und ein Lebenslauf in Form eines Puzzles.

Das einzige Vitamin B

Dem Einfallsreichtum der Verpackungskünstler und kreativen "Zugaben-Komponisten" scheinen kaum Grenzen gesetzt: So erregte eine Bewerbung in einer Konservendose mit der Aufschrift "Mit allen Wassern gewaschen" Aufsehen in der Umdasch AG. "Als Zutaten angegeben waren: Kreativität, Idee, Apple-Kenntnisse, Agenturerfahrung, Teamwork. Und nebst Bewerbungsschreiben und Lebenslauf enthielt die Dose noch ein ,give away', nämlich Knabbergebäck in Goldfischform", beschreibt Umdasch-Personalchef Kurt König die originelle Antwort auf die inserierte Position einer Shop-designerin.

Ebenfalls maßgeschneidert war die originellste Bewerbung, die den Personalchef von Bartenbach LichtLabor je erreichte. "Sie bestand aus einem auf A4 gefalteten A3-Bogen. Beim Öffnen des gefalteten Kartons entstand eine dreidimensionale Struktur, die ein Gebäude darstellte, das im richtigen Licht tageslichtdurchflutet und transparent war. Rund um dieses Gebäude waren die persönlichen Daten und Qualifikationen wie einzelne Felder in einem Schatzgarten dargestellt", beschreibt Peter Mayr das kleine Gestaltungskunstwerk.

Zu originell?

Gefährlich kann es werden, wenn eine Bewerbung so originell ist, dass sie als solche gar nicht gleich erkannt wird. So wollte Georg Horacek, Senior Vice President Corporate Human Resources OMV, schon die originellste Zusendung, die er in Sachen Arbeitssuche je empfing, in den Papierkorb werfen. "Es handelte sich um ein Preisausschreiben mit dem Bewerber als Hauptpreis. Es lag in meiner Post und wirkte für ein Preisausschreiben etwas dilettantisch". In letzter Sekunde habe er realisiert, dass es sich um eine Bewerbung handelte, und den Kandidaten dann gleich telefonisch eingeladen.

Auch sich allzu sehr an die vermeintliche Corporate Identity oder Unternehmensphilosophie anzupassen kann ins Auge gehen: "Originelle Bewerbungssituationen entstehen immer, wenn BewerberInnen nach dem Motto ,je heiliger, desto erfolgversprechender' handeln", konstatiert Michael Heinisch, Vorsitzender der Geschäftsführung St. Vinzenz Holding und stellt klar: "Allein die Kenntnis von Bibelstellen sichert noch keinen Job in unseren Reihen.

Missbrauch

Und wer die wohl bekannteste Marke der Welt zweckentfremdet, erntet auch nicht unbedingt Sympathie: Steve Dwobeng, Human Resources Manager für Coca-Cola Österreich-Schweiz und die Coca-Cola Central hat einmal eine Bewerbung erhalten, die durch die Gestaltung mit Coca-Cola-Logos einer internen Präsentation glich. "Das halte ich trotz der Originalität doch eher für einen Missbrauch der Marke Coca-Cola."

Originelle Züge müssen sich aber nicht auf die Verpackung beschränken, sondern können auch inhaltlicher Natur sein. Peter W. Eblinger, Gründer von Eblinger & Partner: "Wir suchten einen Leiter fürs Controlling. Überzeugend war eine Bewerbung in Form eines Career-Plans, aufgebaut wie der Business-Plan der ICH-Aktie."

Business-Plan

Die Unterlagen waren laut Eblinger nicht nur hervorragend aufbereitet, sie enthielten auch die Bitte, dass er sie als Experte in Karrierefragen bewerte und dann als seriös, realistisch und zielführend bestätige. Die Bewerbung war übrigens in Englisch, beginnend mit dem "Path to career goal CFO". Die Position "Leitung Controlling" stellte also nur einen Meilenstein dar.

An Othmar Hill, Gründer von HILL International, wandte sich einmal eine ukrainische Bewerberin, die sofort darauf hinwies, dass sie weder das schulische Niveau noch die sprachlichen Voraussetzungen und auch nicht die fachlich geforderte Eignung für die vakante Position aufweisen könne. - Nur: Sie signalisierte, dass sie den absoluten Willen besäße, in genau dieser Firma mit vollem Einsatz maximalen Erfolg zu garantieren, ja sogar einige Zeit dafür gratis (also auf Erfolgsbasis) zu arbeiten bereit sei. "Sie bekam den Job, obwohl es einige männliche Kollegen gab, die alle Anforderungen erfüllten, wegen ihrer psychischen Präsenz und dem Charisma, das sie ausstrahlte", erläutert Hill die unkonventionelle Entscheidung.

Subtil

Ganz subtil ist die indirekte Bewerbung. Angelika Kresch, Geschäftsführerin von Remus Innovation, wurde einmal fündig, wo sie gar nicht suchte: "Ein Freund wollte einen Tipp, wo er sich bewerben solle. Er wurde sofort bei uns eingestellt."

Und wie man Headhunter in Kaufrausch versetzt, wusste offensichtlich ein Kandidat, der beherzt zum Hörer griff: "Ich erhielt einen Anruf von einem Bewerber, der sich auf einen meiner Konkurrenten berief. Er sagte: ,Ihr Mitbewerber X hat gemeint, Sie seien der Richtige für mich und ich der Richtige für Sie'", erinnert sich Georg Unger an die wirkungsvollste Bewerbung, die ihn je erreicht hat, und gesteht: "Auf dieses Gespräch war ich dann neugierig."

(DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2003)

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