Der Teufel im Weißen Haus

20. Dezember 2003, 17:27
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Eine Geschichte von Alexander Kluge

Da sitzt er fett im Zentrum der Macht." Das sehen Sie falsch, antwortete Nigel MacPherson, der in diesem Monat die Sicherheitsdienste des Weißen Hauses leitete. Satan wird niemals fett. Er sucht die magersten Körper auf, ganz geistige Macht.
- Und Sie meinen, dass Sie ihn in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten erkannt haben?
- (Zeigt auf das Gruppenfoto:) Hier sehen Sie ihn. Sobald er wusste, dass wir ihn erkannt hatten, war er verschwunden. Nicht einmal ein Rauchwölkchen, von dem man in den bildhaften Darstellungen des Mittelalters angenommen hat, dass der Teufel so etwas bei seinem Verschwinden hinterlässt.
- Kein Gestank?
- Nichts. Er verschwand an meiner Seite, "als wärs ein Stück von mir".
- Der Präsident soll fuchsteufelswild gewesen sein. Täglich sucht er nach dem Bösen. Hier stand es, fünf Meter neben ihm. Zu spät erkannt, nicht mehr gebannt.
- Uns interessiert die andere Frage. Wo ist er jetzt? Der Teufel lässt nicht ab von einem einmal gefassten Plan. Soviel wissen wir von ihm.
- Sie meinen, dass die Zentrale der Supermacht ihn magisch anzieht?
- Was sollte attraktiver sein?
- Und ihn schreckt die Nähe des frommen Präsidenten nicht? Des schärfsten Verfolgers des Bösen? Er fürchtet nicht, erwischt zu werden?
- Sie meinen, weil der Präsident "das Böse sieht"? Weil er einen sechsten Sinn dafür hat, wann der Versucher im Raum steht? Offenbar nahm er den "Assistenten", der sich in den Stab eingeschmuggelt hatte, nicht wahr.
- Er hatte die Gestalt eines im Stab bekannten Assistenten angenommen?
- Der lag als Leiche wochenlang in einer Scheune bei Philadelphia.
- Und kehrte nicht wieder, als der Teufel verschwand?
- Diese Mächte sind rücksichtslos.
- Der Teufel also ist nicht nur der Böse, Satan, sondern auch ganz konkret Mörder?
- Er ist der Menschenfeind.
- Und was will er im Weißen Haus?
- Vermutlich die Fäden der Weltpolitik durcheinanderbringen.
- Das Geschehen in der Welt ist durch Beschlüsse in einer solchen Machtzentrale aber doch nur auf eine sehr indirekte Weise beeinflußbar.
- Weil die wirklichen Verhältnisse zu zahlreich sind, um sich anleiten zu lassen.
- Da wäre es doch besser, dass der Teufel sich in den wirklichen Verhältnissen bewegt. Dort sind die Minen, dort springen sie.
- Es kann sein, dass der Teufel einer älteren Vorstellung von Macht folgt. Es ist schwer, so rasch zu lernen, wie sich die Weltverhältnisse verändern.
- Man nimmt aber doch an, dass der Widersacher über Äonen alles im voraus weiß.
- Daher ja auch die Idee, ihn im Pentagon einzufangen, eventuell auszuforschen. Man wartet deshalb, dass er erneut im Weißen Haus erscheint.
- In anderer Gestalt?
- Er muss die Gestalt eines Beraters annehmen.
- Man sieht einem Berater nicht an, ob er Lobbyist eines Rüstungskonzerns, Ehrenmann oder ein Teufel ist.
- Wie kann man, theologisch gesprochen, überhaupt feststellen, ob jemand der Teufel ist, wenn dem jede Maskierung gelingt?
- Man müsste foltern. Hält der Betreffende die Folter aus, so ist es der Teufel, hält er sie nicht aus, haben wir den Falschen bezichtigt.
- Wie kommen Sie darauf, dass der Teufel stets nur die Gestalt eines Beraters annehmen kann oder eines Ministers? Er könnte doch auch die Gestalt des Präsidenten selbst einnehmen.
- Nicht die eines frommen Präsidenten.
- Eigenartig, daß ich diese hypothetische Diskussion mit Ihnen (noch ist ja der Teufel im Weißen Haus nicht wieder eingekehrt) als entlastend empfinde. Dass ein so alter Fahrensmann der Welt im Zentrum der Macht anwesend ist, gibt mir ein beruhigendes Gefühl, gleich ob er Böses will; er weiß zumindest, was er tut.
- Sie meinen, dass die Entscheider der Welt "wie mit einem Stock in einem Termitenhaufen" nur etwas umrühren, was sie nicht beherrschen?
- Genau das. So dass ein Kundiger, der diesen Quirl bedient, immer noch besser ist als ein Naiver.
- Was sollen wir nun als weitere Sicherungsmaßnahmen zur Absicherung des Weißen Hauses unternehmen? Wie schalten wir Satan mit Sicherheit aus der Machtzentrale aus?
- Man weiß ja nicht einmal, was wir bewirken, wenn wir den Teufel von dort verbannen. Wo begibt er sich hin? Ist er als Partisan nicht gefährlicher als in der Nähe der Herrscher?
- Man müsste mehr über seine Natur wissen.
- Ein gutes Gefühl sagt mir, daß er sich überhaupt nicht um die Welt, um unseren Planeten kümmert, daß er ein mächtiger Patron im Kosmos ist. Dann wäre das Verschwinden des Assistenten mitten in einer Sitzung immer noch rätselhaft, aber das Bild würde besser zum gestürzten Erzengel passen.
- Sie meinen, wenn wir den guten Willen so extrem strapazieren, wie wir es im Rahmen der Supermacht tun, wäre das mit Gefahr verbunden? Unverhältnismäßige Hortung von "gutem Willen" ist explosiv?
- So dass es gut wäre, wenn etwas davon stets durch eine metaphysische Kraft zersetzt würde.
- Halten Sie den Teufel für einen kritischen Geist?
- Wir wissen zu wenig von ihm. Unsere Dossiers sind unvollständig.
- Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, daß der auf Ihrem Gruppenfoto sichtbare Assistent eine Gestalt des Versuchers war?
- Hinweise vom Bundesnachrichtendienst.
- Aus Deutschland?
- Ja, ein Hinweis aus dem "alten Europa". (DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.12.2003)

Die vorliegende Erzählung des deutschen Büchner-Preisträgers Alexander Kluge erschien erstmals in seinem jüngsten Buch "Die Lücke, die der Teufel lässt".

Am Sonntag liest Kluge daraus in der STANDARD-Volkstheater-Matinee "Globalisierung und Gewalt."
Beginn: 11.00 Uhr.

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