Der Leser will unterhalten sein

13. Jänner 2004, 15:27
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Den Wirtschaftsteil einer Zeitung mit Illustrationen lesbarer zu gestalten ist eine schwere Aufgabe...

Umso werter ist es des Schweißes edler Geister, die ökonomische Strecke durch ästhetisch anregendes Material zu einem Ort zu machen, wo der Mensch zu Erfreulicherem verführt wird als zu Gedanken über die Verteilung irdischer Güter. Mit einem solchen Edelstein hat DER STANDARD seine Leser Dienstag beschenkt.

Zur Verschärfung der Glaubwürdigkeit eines Artikels über die missliche budgetäre Lage der Niederlande erstrahlte daneben die farbenfrohe Darstellung einer ländlichen Idylle mit Zugbrücke über ein Flüsschen, an dessen Ufer Wäscherinnen ihrem Job oblagen. Darunter die traurige Mitteilung: Die niederländische Idylle ist vorbei: Im "Jobwunderland" steigt die Arbeitslosigkeit wieder, 2003 herrschte Rezession, und 2004 droht ein Defizit über drei Prozent. Als Bildnachweis wurde ein gewisser Vincent van Gogh angeführt.

Vielleicht hat sich nicht allen Lesern der inhaltliche Zusammenhang zwischen Bild und Text sofort erschlossen. Das wäre auch nicht leicht gewesen, denn hier hatte sich ein typischer Fall von L'art pour l'art in die Nüchternheit niederländischer Realität geschlichen. Auch ist die niederländische Idylle auf dem Bild evident nicht vorbei, sondern von keinerlei Stabilitätspakt angekränkelt, und weder der Kutscher, der auf seinem Karren gemächlich die Zugbrücke überquert, noch die über ihre Arbeit gebückten Frauen lassen erkennen, dass sie das niederländische Haushaltsdefizit bekümmert.

Warum auch? Handelt es sich doch bei dem "Jobwunderland", das auf dem Bild dargestellt war, nicht um dasselbe, das der Artikel beschrieb, noch illustriert es eine entschwindende niederländische Idylle der Jahre 2003 und 2004, sondern eine längst entschwundene aus dem Südfrankreich des schwindenden 19. Jahrhunderts. Besagter Vincent van Gogh hat die Brücke von Langlois in Arles öfter gemalt.

Jetzt keine übereilten Schlüsse ziehen! Wie oft wurden Anleger schon schwerer getäuscht! Was zählt, war die Absicht, den Leser der Tristesse neoliberaler Sparwut zu entreißen und ihn aufzumuntern. Und was den Informationsgehalt betrifft: Immerhin wurde van Gogh in der niederländischen Idylle geboren, und seine Brücke von Langlois stand zwar einst in Arles, aber heute hängt sie im Rijksmuseum in Amsterdam.

Die Leser zu belehren und zu ergötzen, bemüht sich auch "Die Presse" immer wieder. Zuletzt tat sie es anlässlich der Bestellung der Direktion des Volkstheaters. Merkwürdig nur, dass sie ihnen die endlich gefallene Entscheidung nicht mit den Worten mitteilte: "Maria Bill bringt Michael Schottenberg ins Volkstheater." Vielleicht deshalb, um ihre Leser vergessen zu machen, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit unter dem Titel Theater-Faustpfand? angekündigt hat: André Heller bringt Andrea Eckert ins Volkstheater.

Dabei kann es nur Maria Bill gewesen sein, schließlich ist Michael Schottenberg ihr Lebenspartner. Denn an diesem 20. Oktober wusste "Die Presse" schon: Wiens Bürgermeister Häupl favorisiert auf Rat André Hellers die Schauspielerin Andrea Eckert. Häupl habe sich, heißt es, bereits auf Bundesseite der Unterstützung für seinen Wunsch versichert. Also war auch Franz Morak Feuer und Flamme für Hellers Idee. Ein echter Heller-Fan eben.

Die Hintergründe waren Kennern der Szene klar. Bedauerlich an der zwar nur gerüchteweise (etwa von der "Presse") kolportierten Abhandlung der Causa Volkstheater ist nur, dass offenbar inhaltliche Überlegungen gar keine Rolle gespielt haben. Sondern nur ein politisches Tauschgeschäft, das natürlich niemand bestätigen wird. Außer der "Presse": Ein Immobilien-Deal zwischen Bund und Stadt Wien soll es gewesen sein, gleichviel, man hatte schon den Eindruck . . .: Es geht nicht ums Theater, sondern um Entschlüsse aus dem Handgelenk und um das Theater als Faustpfand für politische Vereinbarungen.

Und welche Moral zog "Die Presse" aus diesem Theater-Sodom? Andrea Eckert ist eine faszinierende Erscheinung, beim Publikum beliebt, in der Führung eines finanziell und in punkto Infrastruktur veralteten, dafür aber sehr großen Theaters unerfahren. Vielleicht hilft Ex-Lebensgefährte André Heller ja aus. Lacht da jemand? Nein! Wir Theater-Fans hoffen bloß, dass das Volkstheater überlebt. Was bleibt uns übrig?

Lacht da jemand? Nachdem laut "Presse" Heller den Häupl schon seit Oktober in der Tasche, dieser sich bereits der Bundesseite versichert und als Faustpfand für Frau Eckert eine Immobilie eingesetzt hatte - welche, und was hat die Bundesseite geboten? -, gab die Schauspielerin laut Hans Haider in der "Presse" vom 10. Dezember am Wochenende eine Sondereinlage als Charakterkomikerin, indem sie den Rückzug von ihrer Bewerbung bekannt gab.

Da war die Entscheidung für Schottenberg schon gefallen. War das nun ein politisches Tauschgeschäft, bei dem inhaltliche Überlegungen gar keine Rolle gespielt haben? Da sowohl der Bürgermeister wie auch die Bundesseite als Hellers Marionetten völlig versagt haben, gibt es nur eine rationale Erklärung: Gerd Bacher hatte Recht, als er (in) der "Presse" zur Causa schrieb: Die Wichser sind unter uns. (DER STANDARD, Printausgabe vom 12.12.2003)

Von Günter Traxler
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    foto: der standard/etat.at
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