Musik mit Dachschaden

12. Dezember 2003, 11:36
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"The Fiery Furnaces" beschwören auf ihrem Album "Gallowbird's Bark" den Geist von Brian Eno und The Fall

Das Geschwisterpaar Eleanor und Matthew Friedberger aus Chicago beschwört als "The Fiery Furnaces" den Geist von Brian Eno und The Fall. Herzwärmender Dilettantismus trifft auf kaltschnäuzige Texte über Asthmaanfälle bei Hai-Attacken


Wenn man einmal im Parteibüro der Republikaner in Texas gearbeitet hat, sind die Chancen auf eine Karriere als Rockstar grundsätzlich verbaut. Der Legende nach hat Eleanor Friedberger genau das eine Zeit lang gemacht. Einerseits muss das im Falle dieses atemberaubenden Debüts aber schwer egal sein. Immerhin frisst selbst der Teufel Fliegen, und mag die Katze Mäuse - und wir nicht. Andererseits will man auch nicht gerade mit seinen liebsten musikalischen Helden, namentlich etwa Bob Dylan oder Mark E. Smith von The Fall Interviews über deren politische Ansichten lesen. Stichwort: Auweia!

Zum Glück hat Eleanor ihren Bruder Matthew. Und möglicherweise auch den Schalk im Nacken bezüglich ihrer Autobiografie. Die besagt nämlich, dass das Geschwisterpaar in Chicago geboren und aufgewachsen ist und später nach New York umzog, um im Rahmen einer normalen akademischen Nichtkarriere diverse Studien abzubrechen und ein Leben als Vorband von berühmten Bands wie The Kills oder Hot Hot Heat zu verbringen.

Bei aller coolen New Yorker Kaltschnäuzigkeit, die zu Texten wie Asthma Attack führt, die von einem panikbedingten Luftmangel beim nächtlichen Schwimmen angesichts eines Hai-Angriffs vor einer tropischen Ferieninsel handeln oder dem Anrufbeantworter völlig neue soziale Aspekte abgewinnen ("I gave my cell phone to my cousin/He plays the threats that I get to his friends at school."): Nicht umsonst wurde jetzt das Album Gallowbird's Bark auf dem renommierten britischen Alternative-Music-Urgestein-Label Rough Trade veröffentlicht.

Immerhin spricht die Musik der Geschwister Friedberger eine eindeutig englische Sprache. Hier grüßt sowohl der britische Kunststudenten-Rock, wie ihn etwa ein Brian Eno nach seinem Engagement bei Roxy Music 1974 auf seinen ersten Soloplatten, Here Come The Warm Jets 0nd Taking Tiger Mountain (By Strategy), erdachte. Soll heißen, gallig-poetische Texte wie We Got Back The Plague oder Leaky Tunnel, letztgenannter Song ein eindeutiger Verweis auf Brian Enos Zweifinger-Synthesizer-Klassiker Baby's On Fire, werden entsprechend rumpelig und verhatscht irgendwo in der Mitte zwischen der Vertracktheit des britischen Progressive Rock der Taschenbillard-Könige Genesis und der räudigen Attitüde des Proto-Punk im großen Niemandsland namens Unbeholfenheit versenkt.

Amerikanisch klingt hier eigentlich nur eine bei Lou Reed ausgeborgte und bei Sonic Youth kaputtgemachte Rhythmus-Gitarre. Der Rest ist klassisches Heimspinner-Analog-Geräte-Erforschen von Menschenfeind Matthew. Etwa Handclapping-Effekte zu einer von serbischen Emigranten gekauften und auf sieben Achtel Slibowitze vorprogrammierten Drumbox, zu der man vier Jahre klassische Klavierausbildung im Zeichen von Vaudeville verhöhnt. Dazu singt Eleanor mit einer Altstimme, die von ihrem Gefühl her Richtung null tendiert und an die große vergessene Kunst der singenden Gouvernante Alison Statton von den Londoner Young Marble Giants und ihrem Jahrhundertalbum Colossal Youth aus 1980 erinnert.

Auf dem Jubiläumsalbum 25 - Stop Me, If You Think You've Heard This Before, das ein Vierteljahrhundert Rough Trade Records mit Neuinterpretationen alter Klassiker durch junge Nachwuchskräfte feiert, covern The Fiery Furnaces übrigens einen Song von Menschenfeind Mark E. Smith und The Fall. Die Zukunft des Rock'n'Roll hat schon immer Dilettantismus gelautet. Gute schlechte Laune hilft zusätzlich. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2003)

Von
Christian Schachinger
  • The Fiery Furnaces Gallowbird's Bark (Rough Trade)
    foto: rough trade

    The Fiery Furnaces
    Gallowbird's Bark
    (Rough Trade)

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