Herzlichkeit des Außergewöhnlichen

11. Dezember 2003, 18:34
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Die italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli im Porträt - Wien-Konzert auf Mai verschoben

Die italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli ist die Bestsellerin unter den Klassikkünstlern: Dabei setzt sie erstaunlicherweise nicht auf Crossover, sondern vielmehr auf Raritäten. Mit jenen von Antonio Salieri sollte sie am Donnerstag, 11.12., im Musikverein gastieren (Kurzfristig wurde krankheitshalber abgesagt, der Auftritt soll im Mai nachgeholt werden; Anm.). Eine Begegnung.


Salzburg – Cecilia Bartoli wirkt in ihrer impulsiven Bescheidenheit wie die königliche Proponentin eines neuen Künstlertypus. Sie ist weit entfernt von der korpulenten Selbsterhobenheit mancher männlicher Kollegen, sie erscheint und sitzt einem gegenüber als eine Primadonna der musikologischen Selbstlosigkeit – und diese lässt sich unschwer auf ihre jüngsten Vivaldi-Initiativen und auf ihre noch taufrischen Salieri-Entdeckungen zurückführen.

Die ungemein exzentrischen, zeitlos avantgardistischen Vivaldi-Entdeckungen aus dem Bereich seiner vergessenen Opern sind – wie Bartoli gerne bekannt gibt – gut 600.000-mal verkauft worden. Nun, mit ihren Salieri- Ausgrabungen strebt sie Ähnlichem entgegen. Wie ist sie auf jenen Salieri gekommen, dem die Nachwelt mit Sensationslust den Mord an Mozart zugeschrieben hat?

Bartoli verweist zunächst auf ihre Bemühungen, Christoph Willibald Gluck aus einer gewissen bildungsbürgerlichen Abgeschiedenheit zu befreien, zum Allgemeingut zu erheben. Und – das betont sie mit kundig-feurigen Augen –, Salieri wäre eben Schüler von Gluck gewesen!

Mit einem befreundeten Musikologen hat sie begonnen, in Wiener Archiven die zumeist ungedruckten Partituren einzusehen. Salieris Musik ist ja rund 200 Jahre lang nicht aufgeführt worden – mit minimalen Ausnahmen, wie etwa einem Klavierkonzert, seiner Don Giovanni-Variante und der einen oder anderen Kleinigkeit in den Alibiprogrammen Mozart-orientierter Veranstalter.

Ihre Entdeckungen bezeichnet Bartoli als außergewöhnlich. Sie gerät ins Schwärmen – und man glaubt ihr aufs mimische Wort, dass es ihr in diesen Momenten der werkspezifischen Promotion nicht um den Absatz einer neuen CD geht, sondern um die Rehabilitation eines Autors, dem die "Seitenblicke"-Musikpublizistik lange schweren Schaden zugefügt hat.

Eines der Hauptargumente für Salieri sieht Bartoli im Umstand, dass der Komponist auch als Stimmlehrer fungierte. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie im Zusammenhang mit dessen Opernpartien über ganz eigenwillige Kolorierungen berichtet. Auf ihre ungemeine Popularität befragt – und in diesem Zusammenhang auch auf mögliche oder auch unmögliche Projekte auf dem so genannten Crossoversektor – winkt sie energisch, fast unwillig ab.

Sie sei nicht der Typus von Künstlerin, der sich an bestehende, nicht unbedingt sympathische Trends anhängt. Als kommerzielle Wiederholungstäterin werde man sie nicht erleben; zu viele wertvolle Projekte – darunter komplette Salieri-Opern (etwa die Embryonalform der Mozartschen Figaro-Gräfin, nämlich in Salieris La Scuola!) oder auch Vorhaben im Bereich der zeitgenössischen Musik (Henze!) sind ihr wichtiger als alle Varianten des schnellen Bigbusiness, wie es ihre männlichen Hochstimmkollegen im globalen Musikantenstadl verfolgen.

Vielleicht ist diese allseits geschätzte und umjubelte – natürlich auch hoch bezahlte – Sängerin eine Hoffnung der wahrhaftigen Kunstausübung geblieben, weil sie sich nicht hat verführen lassen von den Verlockungen der Selbstvermarktung.

Und sie ist eine resonanzreiche, uneitle Menschlichkeit geblieben, die ihr Herz auf der Zunge trägt, wobei diese Zunge als die Verlängerung jener Stimmbänder fungiert, die neben allen Unersetzlichkeiten Salieris, Glucks, Vivaldis und Mozarts auch noch jene Artistik im sportlichen Koloraturenbereich leisten, von der im Moment die befreundete Konkurrenz nur zu träumen wagt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2003)

Von
Peter Cosse

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    The Salieri Album (Universal)

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