Am besten: Immer Unglück

6. Dezember 2003, 14:00
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Eine gar nicht mehr so neue Jugendbuch- Lese-und-Vorlese-Weisheit besagt: Es muss nicht immer Potter sein

Hier ein paar Alternativen, präsentiert von Claus Philipp.


Erst kürzlich hatte der Verfasser dieses Textes eine ernsthafte Diskussion mit seinen Kindern darüber, wie das wäre, wenn endlich einmal ein Buch ein vollkommenes Glück zum Inhalt hätte. "Bitte, nein, das wäre total fad", rief Paul (9). Victoria (16) setzte ein sehr doppeldeutiges, fast schon sadistisches Lächeln auf: "Vielleicht wäre das interessant..."

Anlass für diese Diskussion war die Frage, ob Harry Potter überhaupt Erfolg hätte, wenn seine Eltern noch leben würden, bzw. die Erkenntnis, dass es Harry noch viel zu gut geht im Vergleich zu den Geschwistern Baudelaire.

In Lemony Snickets mittlerweile auf 10 Bänden (zuletzt The Slippery Slope, dt. Der rutschige Steilhang) angewachsenen Serie A Series of Unfortunate Events (erschienen bei HarperCollins) sind diese drei Kinder - Violet, Sunny und Klaus - derart verzweifelt, dass sie schon selbst mit der Frage kokettieren, ob sie in ihrem permanenten Leid nicht vor allem PR für einen Oberbösewicht namens Graf Olaf (demnächst spielt ihn Jim Carrey im Kino) machen: Zumindest sind Snickets Bücher in den USA mittlerweile ähnlich erfolgreich wie Harry Potter - woran sie leider im deutschen Sprachraum (bei Beltz & Gelberg) noch immer nicht anschließen können. Zuerst verramschte man die Serie mit blutigen Lettern als Schaurige Geschichte. Jetzt versucht man's noch einmal in einer billigen Taschenbuchausgabe unter dem doofen Titel Schauriger Schlamassel. Schade, aber: nicht abschrecken lassen!

Wie man in den Gefielden des makabren Humors ungleich besser reüssieren kann, beweist dieser Tage der Verlag Omnibus, der zuletzt für Philip Ardaghs wahnwitziges Büchlein Schlimmes Ende sogar den deutschen Kinderbuchpreis einfuhr, weil - Übersetzung: Harry Rowohlt, bewährt verschnoddert, und überhaupt: eine zum Brüllen komische Tragikomödie rund um einen naiven Knaben namens Eddie Dickens, dessen Eltern sich aufgrund einer denkwürdigen Seuche seltsam zu verfärben beginnen, und deswegen muss er zu seinem wahsinnigen Onkel Jack und zu seiner wahnsinnigen Tante Maud. Letztere lebt zum Beispiel im Garten in einer ausgehöhlten Kuh... Soeben ist Teil 2 der Eddie-Dickens-Trilogie erschienen - Furcht erregende Darbietungen.

Er beginnt legendär: "Eddie Dickens wachte mit einem Schock auf. Aus der Brusttasche seines Großonkels war gerade ein Zitteraal auf ihn gefallen. Und ein Zitteraal ist elektrisch, und wenn es etwas gibt, das einem einen Schock versetzt, dann ist das Elektrizität." Es geht dann jedenfalls um ein explodierendes Haus, um Befreiungskünstler in Särgen und um entflohene Häftlinge in Hochmooren. Aber das interessiert wohl kaum ein Kind. Oder? Doch? (Sehr gut ist natürlich auch die Hörbuchversion, in der Harry Rowohlt wieder einmal aufs Schönste vor sich hingrummelt.) Der Autor jedenfalls bittet sein wertes Publikum: "Wenn euch dieses Buch Spaß macht, müsst ihr das bitte auf jeden Fall euren Freunden weitererzählen. Wenn ihr es hasst, müsst ihr bitte eure völlig unbegründete Meinung für euch behalten."

Nicht für sich behalten wollen wiederum der Verfasser dieses Artikel sowie Paul, Victoria und unzählige andere (zumindest fünf) Verwandte und Bekannte ihre einhellige Begeisterung für ein Meisterwerk, das im ALBUM schon einmal kurz vorgestellt wurde. Das Buch, von dem hier die Rede ist, ist unseres Wissens das erste, bei dem man angesichts eines doch eher herben Schlachtrufs Tränen der Rührung vergießt: "Blut! Blut! Blut, das muss spritzen meterweit!" Dieser Schlachtruf , der jetzt auf den ersten Blick politisch nicht sehr korrekt herüber kommt, ist auf Seite 689 von Walter Moers Epos Rumo & die Wunder im Dunkeln (erschienen beim Piper Verlag) nichts weniger als eine etwas lautstarke Begleiterscheinung opfermütiger untoter (!) Yetis (!!), die dem Helden (einem edelmütigen Wolpertinger im Sagenreich Zamonien) zu Hilfe eilen.

"Wie bitte?!" Gut möglich, dass jetzt einige Eltern sagen: Äh, da bestellen wir doch lieber Enid Blyton, oder, wenn es schon schaurig zugehen soll, Harry Potter! Dennoch: Nachdrückliche Empfehlung. Im Gefolge des auf den ersten Blick schier unüberbietbaren Herrn der Ringe war in den vergangenen Jahren kaum ein Buch verfügbar, das sich dem Terrain der Mythen und Sagen derart vielschichtig und intelligent genähert hat. Und gleichzeitig ist der ehemalige Comics-Zeichner Walter Moers ein großartiger Komödiant, und was er da an Kreaturen herbei spinnt, spottet - und zwar im besten Sinne - jeder Beschreibung und Nacherzählung. Teufelsfelszyklopen, mehrfach mit Gehirnen beschenkte Intelligenzbestien, Haifischmaden, Stahlkrieger, sadistische Unterweltherrscher - wer dann noch mehr über Zamonien erfahren möchte, kann im Anschluss an "Rumo" ja auch gleich (wieder?) Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär studieren oder das Märchen Ensel und Krete - letzteres stammt laut Moers übrigens aus dem Nachlass einer zamonischen Dichterlegende namens Hildegunst von Mythenmetz. Herrlichstes Unglück! (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 6./7./8.12.2003)

  • Frage: Muss man Lemony Snickets wunderbar desperate "Series of Unfortunate Events" ...
    illustrationen: harpercollins, beltz & gelberg, piper, omnibus

    Frage: Muss man Lemony Snickets wunderbar desperate "Series of Unfortunate Events" ...

  • ...im Deutschen  auf der Bildebene so niedlich präsentieren?
    illustrationen: harpercollins, beltz & gelberg, piper, omnibus

    ...im Deutschen auf der Bildebene so niedlich präsentieren?

  • Geschöpfen von Walter Moers ...
    illustrationen: harpercollins, beltz & gelberg, piper, omnibus

    Geschöpfen von Walter Moers ...

  • ...stellt es da die Gehirne auf.
    illustrationen: harpercollins, beltz & gelberg, piper, omnibus

    ...stellt es da die Gehirne auf.

  • Und Philip Ardaghs
Helden Eddie Dickens ...
    illustrationen: harpercollins, beltz & gelberg, piper, omnibus

    Und Philip Ardaghs Helden Eddie Dickens ...

  • ...werden die Pferde scheu!
    illustrationen: harpercollins, beltz & gelberg, piper, omnibus

    ...werden die Pferde scheu!

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