Neue Deutsche Welle

17. Dezember 2003, 16:32
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Schwarz, Rot, Gold: Das Spiel mit der deutschen Flagge ist nicht nur in der Mode en vogue. Die Berliner Künstler- plattform "angefangen" will den Begriff "deutsch" mit neuen Werten füllen: Liebe, Respekt und Toleranz

Deutsch ist hip: Die Kölner Designerin Eva Gronbach hat es vorgemacht. Schon seit einigen Jahren ist sie sehr erfolgreich darin, ihre Klamotten ausschließlich in den deutschen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold anzufertigen - ihre erste Kollektion nannte sie: Liebeserklärung an Deutschland. "Bisher musste alles, was kultig war, aus dem Ausland kommen", sagt sie. Endlich ist Deutschland Kult. Glamour kommt nicht mehr nur aus New York, Paris oder Tokio. "Das ist eine kleine Revolution, dass ein Nickipulli in Schwarz-Rot-Gold hierzulande hip ist. Ich nehme alte Symbole und lade sie mit neuer, positiver Bedeutung auf", erklärt Gronbach. Auch die Macher der neuen Modezeitschrift Achtung wollen den Begriff "deutsch" mit neuem Glanz versehen und promoten in ihrer ersten Ausgabe ausschließlich deutsche Modemacher - verirren sich aber in ein unkommentiertes Fotoshooting mit Burschenschaftern einer schlagenden Verbindung.

Kann es so etwas wie eine coole nationale Identität überhaupt geben? Eine Liebe zum Vaterland, die einem nicht suspekt sein muss? Die deutschen Feuilletons ätzen über diese "hippe und poppige Variante der Leitkulturdebatte". Subversiv im Sinne der Sex Pistols, die sich das Hakenkreuz anhefteten, will ohnehin keiner der Exponenten der Neuen Deutschen Welle sein. Erstaunlicherweise geht es um neue positive Werte. Die Künstlerplattform "angefangen", die von dem Musiklabel R-O-T (respect or tolerate) nach den Demonstrationen gegen den Irakkrieg ins Leben gerufen wurde, versteht sich als "gesellschaftspolitische Bewegung" und offene Plattform für Gespräche und künstlerische Aktionen, an der Künstler aus diversen Sparten beteiligt sind, die aber grundsätzlich jedem offen stehen soll.

Wichtigstes Aushängeschild ist die Elektro-Punk-Band Mia, die in ihren letzten Videos gerne auf den Standort Berlin verwiesen hat. Statt Berliner Bären ist im Video zum neuen, überraschend sanften Erich-Fried-Chanson "Was es ist" die Band in Schwarz-Rot-Gold gekleidet. Frontfrau Mieze singt nicht mehr "Ich schüre Wut auf allen Seiten" wie noch auf "Hieb & Stichfest", sondern sagt im Interview im Berliner Wochenmagazin Tip: "Seit 'angefangen' bemühe ich mich, freundlicher zu sein und offener. Ich nehme mir die Zeit, mal jemanden in der U-Bahn vorzulassen." Neue deutsche Freundlichkeit?

Über Liebe, Respekt, Toleranz und Mut

Das R-O-T-Studio in Berlin-Mitte ist sympathisch chaotisch, ebenso wie Inga und Nhoah, die Label-Betreiber, die ihre Initiative "angefangen" - "eine Herzensangelegenheit" - so erklären: "Wir wollen über Liebe, Respekt, Toleranz und Mut sprechen. Uns interessiert, wie sich Menschen in ihrer Nationalität fühlen, aber nicht nur in Deutschland." Nhoah legt sein Handy auf den Tisch. Es hat die Farben der deutschen Fahne: Rot, Gold, Schwarz.

Aber: Ist Berlin Deutschland? Der Berlin-Hype ist schon vorbei, der New-Economy-Boom auch, die Wirtschaftskrise macht sich in Berlin deutlicher als in anderen Städten erkennbar. "Vielleicht liegt gerade in dieser finanziellen Verzweiflung kreatives Potenzial", sagt Nhoah. "Du überlegst, ob du nicht einfach zwei schlecht bezahlte Stunden weniger arbeitest und dafür mit deinen Freunden einen Kaffee trinkst und darüber redest, wie du deine Welt im Kleinen verändern kannst." (DerStandard/rondo/Karin Cerny/5/12/03)

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    foto: gronbach
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    foto: sony music
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