"Capturing the Friedmans": "Dinge, über die ich nicht reden möchte"

19. Juli 2004, 10:41
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Die Dokumentation "Capturing the Friedmans" thematisiert Kindesmissbrauch

Wien - Der Ausgangspunkt: Ein Interview, in dem man auf Fragen plötzlich keine Antwort mehr bekommt. Vor der Kamera: Ein Kinderparty-Clown, ungeschminkt, hilflos lächelnd, mit etwas aggressivem Unterton. "Es gibt da einige Dinge, über die ich nicht reden möchte."

Und plötzlich kippt der amerikanische Filmemacher Andrew Jarecki, der eigentlich vorhatte, eine sehr spezifische, alternative Form des Lebens und Lebensunterhalts zu dokumentieren, in eine völlig andere Erzählung - eine, die man als Fiktion vermutlich nicht durchgehen lassen würde. Denn die Geschichte des Lehrers Andrew Friedman, seiner Frau und seiner drei Söhne, sie spottet in der Tat jeder Beschreibung - sofern diese Beschreibung davon ausgeht, dass Bilder immer etwas bebildern, dass Aussagen auch für sich gestellt einen Sachverhalt wiedergeben bzw. dass Erinnerung tatsächlich das ist, was der Fall war.

Der Fall Friedman oder Capturing the Friedmans. Das Milieu: Selbstbewusstes, um nicht zu sagen: saturiertes Bürgertum auf Long Island. Familie ist da alles, wie Homemovies belegen: Man inszeniert und zelebriert sie gerne. Und so halten es auch die Friedmans rund um einen denkbar unspektakulären Patriarchen. Im Herbst 1987 geht Andrew Friedman aber als Adressat von Kinderpornos in eine Falle der Polizei. Das ist, wie man so sagt, der Anfang vom Ende. Eine ungeheuerliche Tragödie nimmt ihren Gang, deren Protagonisten undurchschaubar bleiben, obwohl Anklagen und Geständnisse üppig gesät sind.

In den allgemeinen Verdacht gegen den Pädophilen verweben sich weitere Anklagen: Friedman und sein jüngster Sohn Jesse hätten im Rahmen von Computerkursen monatelang Kinder misshandelt und geschändet, heißt es. Die "Opfer" überbieten einander mit Schilderungen des Ausmaßes des Verbrechens. Nur gegen eine unbeschreiblich hohe Kaution kommen die beiden "Täter" vorläufig auf freien Fuß. Und in den familiären Konflikten, die nun folgen, tun die Friedmans das, was sie in guten Zeiten auch immer am liebsten getan haben: Sie drehen ein Homemovie, ein Video.

Selbstverteidigung

Dieses Video, in dem sich die Söhne David (der Clown), Seth (der für Capturing the Friedmans später die Kooperation verweigerte) und Jesse (der wie sein Vater verurteilt wurde) in Selbstverteidigungsreden überbieten und zunehmend die Mutter attackieren - es ist eine wesentliche "Stimme" in Jareckis Dokumentation. Diese wiederum dokumentiert ihrerseits weniger, was wirklich geschah, als wie das Geschehene gesehen und gedeutet wurde:

Aus der Perspektive von hysterisierten Ermittlern, einer gewieften Aufklärungsjournalistin (die schwere Zweifel an der Berechtigung der Anklage hatte) oder etwa von Mrs. Friedman, die ihren Mann überredete, die Schuld (egal, für was) auf sich zu nehmen - womit man wiederum dem Sohn keinen allzu guten Dienst erwies.

Im Kino ergibt das einen atemberaubenden Thriller, bei dem man sich mitunter fragt, wie an dieser Geschichte wohl oscarverdächtige Schauspieler ins Leere agiert hätten. Und am Ende sehen wir, wie der Clown mit all den Bürden im Hintergrund eine weitere Kinderparty absolviert. Auf der Nase hat er eine übergroße Brille, aber den Durchblick hat er wohl selber immer noch nicht. Wahnsinn. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2003)

Von
Claus Philipp

Derzeit im Filmhaus am Spittelberg in Wien

Link

Capturing the Friedmans

  • Scheinidylle, gefolgt von Scheinaufklärung, alles per Homevideo
    foto: stadtkino

    Scheinidylle, gefolgt von Scheinaufklärung, alles per Homevideo

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