Ein Aufklärungsbeitrag über die Benes-Dekrete

1. Dezember 2003, 12:43
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Peter Glotz: "Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück"

Wer den Bericht eines Betroffenen erwartet, der über das durch die Vertreibung erlittene Leid seiner Familie klagt, wird enttäuscht sein. Der langjährige SPD-Politiker Peter Glotz, Sohn einer Tschechin und eines Deutschen, hat vielmehr die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren in den historischen Kontext gestellt.

Dass der Universitätsprofessor für Kommunikationswissenschaft an seinem Buch vier Jahre lang gearbeitet und damit keinen Schnellschuss produziert hat, merkt man an der umfangreichen Faktensammlung, die manchmal schier erdrückend erscheint. Denn Glotz beginnt nicht erst mit den Benes-Dekreten, sondern geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Er zeigt beispielhaft auf, wie der wachsende Nationalismus entstanden ist - und zwar auf beiden Seiten.

Glotz führt "den Mechanismus der Verfeindung" anhand Böhmens vor. Er stellt die wichtigsten Protagonisten im Konflikt vor, darunter auch solche, die in der österreichischen Geschichte eine wichtige Rolle spielen wie Victor Adler, den Gründer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, oder Georg von Schönerer, den Führer der deutschnationalen Bewegung. Für österreichische Leser ist besonders interessant, dass er einen eher unbekannten Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie beleuchtet. Erst im letzten Drittel des Buches greift er Erlebnisse von Vertriebenen auf.

Im Epilog stellt er einen Bezug zur aktuellen Debatte her. Sein Buch ist ein Beitrag zur Aufklärung, nicht zur Aufhetzung. Als Politiker kann Glotz daher auch profunde begründen, warum er für die Aufhebung der Benes-Dekrete ist - und ist damit den schlagzeilenproduzierenden Politkollegen weit voraus. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 11. 2003)

Peter Glotz: Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück
Ullstein Verlag, München 2003 287 Seiten, 22,70 Euro
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    foto: derstandard.at
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