Es begann in Hartberg

21. November 2003, 11:21
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Heuer jährt sich der Start des Terrors von Franz Fuchs zum zehnten Mal: "Bajuwarische Befreiungsarmee" tötete insgesamt vier Menschen

Wien - Als der Hartberger Pfarrer August Janisch am 3. Dezember 1993 gegen 11.00 Uhr in seinem Pfarramt einen etwas dickeren Brief in Händen hält, ahnt er noch nicht, dass er das erste Opfer in einem der spektakulärsten Kriminalfälle sein wird, der Österreich die nächsten vier Jahre beschäftigen wird. Janisch versucht das Kuvert zu öffnen, es explodiert, der Geistliche wird schwer an beiden Händen und im Gesicht verletzt. Heuer jährt sich der Beginn der Terroranschläge des Südsteirers Franz Fuchs zum zehnten Mal.

Nur rund eine Stunde nach dem Hartberger Pfarrer erhielt die Moderatorin Silvana Meixner von der Minderheitenredaktion des ORF ebenfalls eine Briefbombe. Ihr wurde ein Finger abgerissen. Die Republik war geschockt.

Drei Tage später war klar: Die beiden Bomben für Janisch und Meixner waren nur der Anfang. Der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk - gerade von einer Dienstreise zurückgekehrt - war ebenfalls Ziel eines Briefbombenanschlags geworden, ihm wurde die linke Hand verstümmelt. Auch Astrid Bileck, Sekretärin des Wiener Anwalts Klemens Dallinger, öffnete eine Briefbombe und wurde verletzt. Weitere sechs Briefbomben - adressiert unter anderem an die damalige Frauenministerin Johanna Dohnal (S), die Grün-Politikerinnen Madeleine Petrovic und Terezija Stoisits sowie den damaligen Caritas-Präsidenten Helmut Schüller - wurden rechtzeitig entschärft. Zur Tat bekannte sich eine Bajuwarische Befreiungsarmee. Rassismus und Ausländerfeindlichkeit waren ihr Motiv für nahezu vier Jahre Terror.

Anschuldigungen an Haider

Noch am Abend des 3. Dezember 1993 begann im Parlament die politische Auseinandersetzung um den Fall, die ihn bis zu seiner Klärung im Oktober 1997 begleiten und prägen sollte. Nach einer Rede des damaligen FPÖ-Klubobmannes Jörg Haider, bei der er zu den ersten Anschlägen erklärte, diese Art der gewalttätigen Auseinandersetzung sei nur zu verurteilen und zurückzuweisen, warf ihm der SP-Abgeordnete Günter Dietrich vor, mit seiner "Ausländerfeindlichkeit" verantwortlich für die Anschläge zu sein. Es kam zu einem Tumult, der Grüne Rudi Anschober bezeichnete die FPÖ-Mandatarin Karin Praxmarer als "Rechtsextremistin", die sich mit einem Stoß an die Schulter revanchierte.

Ungeachtet dieses politischen Hickhacks zeigten sich die Ermittler recht bald sicher, dass die Täter im rechtsextremen Bereich zu suchen sind. Wenige Tage nach der ersten Bombenserie gab es Festnahmen - unter anderem ging der aus der rechtsextremen Szene damals bekannte Peter B. ins Netz der Fahnder. Ein paar Tage später wurde mit Franz R. der zweite mutmaßliche Haupttäter verhaftet. Innenminister Franz Löschnak (S) und die Öffentlichkeit glaubten bzw. hofften, dass der Spuk damit zu Ende war.

Man sah zunächst auch keinen Grund, diese Hoffnung aufzugeben, bis am 24. August 1994 auf dem Gelände der Klagenfurter Rennerschule eine Bombe entdeckt wurde. Beim Versuch, den Sprengkörper am Flughafen der Landeshauptstadt zu durchleuchten, flog die Bombe in die Luft. Der Polizist Theo Kelz verlor beide Hände, auch zwei seiner Kollegen wurden schwer verletzt. Offiziell hielt man sich mit Spekulationen über die Urheberschaft dieses Anschlags zurück, intern vermuteten die Ermittler jedoch von Haus aus einen Zusammenhang mit den Briefbombenanschlägen.

Echte Zweifel, dass es sich bei den bisher Inhaftierten um die gesuchten Briefbomber handelte, kamen am 4. Oktober 1994 auf: In einer Ausländerberatungsstelle in Dornbirn tauchte eine Briefbombe auf, sie wurde ebenso abgefangen wie zwei weitere Sprengsätze an den Klagenfurter Wieser-Verlag und die Hallein Papier AG sowie zwei Tage später eine brisante Sendung an den Abt des Stifts Wilten in Tirol.

Trauriger Höhepunkt: Anschlag in Oberwart

In der Nacht auf den 5. Februar 1995 erreichte der BBA-Terror seinen Höhepunkt: An einer Wegkreuzung in der Nähe einer Roma-Siedlung in Oberwart detonierte eine Bombenfalle, vier Männer der Siedlung wurden getötet. Am Ort des Geschehens fand sich eine Tafel mit der Aufschrift "Roma zurück nach Indien". Die Bombenfalle hatte Ähnlichkeit mit einem Verkehrsschild. Es handelte sich um den folgenschwersten politischen Anschlag in der Geschichte der Zweiten Republik. Nur einen Tag danach explodierte in Stinatz ein Sprengkörper, der in eine Spraydose eingebaut worden war. Ein Mitarbeiter des Umweltdienstes Burgenland erlitt einen offenen Trümmerbruch an der Hand. Nach den beiden Anschlägen von Oberwart und Stinatz tauchte ein Bekennerschreiben auf, in dem die BBA die Verantwortung für diese beiden Attentate, aber auch für die Klagenfurter Rohrbombe übernahm. Damit herrschte endlich Klarheit über den Klagenfurter Anschlag.

Anschläge auch in Deutschland

Die BBA expandierte ihren Terror: Am 9. Juni 1995 verletzte in München eine an die Fernsehmoderatorin Arabella Kiesbauer adressierte Briefbombe eine Mitarbeiterin des deutschen Privatsenders "Pro Sieben". In Linz explodierte in einer Partnervermittlung ebenfalls eine Postsendung und traf eine ungarische Mitarbeiterin. Zwei Tage später wurde Thomas Rother, SPD-Geschäftsführer im Rathaus der norddeutschen Stadt Lübeck, Opfer eines Briefbombenattentats.

Die nächste Serie folgte am 16. Oktober 1995, diesmal im Weinviertel: Am Postamt von Poysdorf wurde die damals 71-jährige Flüchtlingshelferin Maria Loley durch eine Briefbombe verletzt. In Stronsdorf explodierte eine Sendung in den Händen des aus Syrien stammenden Gemeindearztes Mahmoud Abou-Roumie und verletzte ihn an der Hand. In Mistelbach wurde ein explosiver Brief abgefangen, der an ein aus Südkorea stammendes Arzt-Ehepaar adressiert war.

Nicht einmal zwei Monate später und sechs Tage vor der Nationalratswahl - am 11. Dezember 1995 - detonierten in einem Grazer Briefkasten die nächsten beiden Briefbomben. Zwei weitere gingen beim Transport hoch. Die Sendungen waren unter anderem an eine indische Familie in Wien sowie an Angela Resetarits, Mutter des Kabarettisten Lukas, des Sängers Willi ("Ostbahn-Kurti") und des ORF-Redakteurs Peter Resetarits, adressiert.

Ein Jahr Pause

Es dauerte dann nahezu ein Jahr bis zum nächsten Anschlag der BBA: Die zunächst als Hauptverdächtigen verhafteten Peter B. und Franz R. wurden wegen Wiederbetätigung zwar verurteilt, wegen der Anschläge der ersten Serie aber freigesprochen. In Medien setzten verschiedentlich bereits Spekulationen ein, dass der oder die Attentäter krank oder wegen anderer Delikte in Haft sein könnten. Kriminalpsychologe Thomas Müller hatte ein Täterprofil erstellt, in dem er von einer Einzelperson ausging. Dies wurde auch - akkordiert mit dem Innenministerium - veröffentlicht. Die Ermittler versuchten so, den Druck auf die BBA zu erhöhen.

Am 9. Dezember 1996 sollte die letzte Briefbombe explodieren - bei ihrer Entschärfung. Adressiert war der Sprengsatz an Lotte Ingrisch, Stiefmutter des damaligen Innenministers Caspar Einem (S).

In der Folge versuchten die Ermittler - unter anderem über Medien - den Druck weiter zu verstärken. Unter anderem kündigte der damalige Generaldirektor für die Öffentliche Sicherheit, Michael Sika, an, dass in dem Fall per Rasterfahndung ermittelt werden solle. Ermittler erzählen seither gerne, dass durch diese Botschaften der Südsteirer Franz Fuchs so nervös geworden sei, dass er in den Morgenstunden des 2. Oktober 1997 die Nerven verlor.

Festnahme bei Gendarmeriekontrolle in Gralla

Im Zuge einer Gendarmeriekontrolle in Gralla, dem Heimatort von Franz Fuchs, zündete der 48-Jährige - sich schwer verfolgt fühlend - in selbstmörderischer Absicht einen Sprengsatz. Fuchs verlor beide Hände, die beiden Beamten wurden ebenfalls verletzt. Bei einer Hausdurchsuchung wurden sechs weitere Bomben gefunden.

Bis es zum Prozess kam, dauerte es fast eineinhalb Jahre. Fuchs zeigte sich in der Untersuchungshaft durchaus kooperativ. Anders in der Hauptverhandlung, die am 2. Februar 1999 im Grazer Landesgericht begann: Fuchs betrat den Saal Parolen schreiend: "Es lebe die BBA!" oder "Reinrassige Tschuschenregierung - nein danke!" und Ähnliches skandierte er. Er begann jedes Mal zu schreien, sobald er vorgeführt wurde - und wurde des Saals verwiesen. Auf diese Art vermied er es während der gesamten sechs Prozesswochen, anwesend zu sein. Auch das Urteil am 9. März - lebenslänglich und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher - wurde in seiner Abwesenheit verkündet. Er selbst erfuhr es erst in seiner Zelle.

Selbstmord in der Zelle

Am 26. Februar 2000 setzte Fuchs selbst den Schlussstrich. Er erhängte sich an einem Kabel aus seinem Rasierapparat in seiner Zelle. Die Diskussion, ob er tatsächlich als Einzeltäter hinter dem BBA-Terror steckte oder nicht doch Komplizen hatte, ist in den vergangenen Jahren nie ganz verebbt. Für die Ermittler der Briefbomben-Sonderkommission war der Fall freilich klar. (APA)

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    Die erste Seite der Anklagegeschrift gegen Franz Fuchs aus dem Jahr 1999

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