Beschluss günstig für Großbritannien

9. Dezember 2003, 15:21
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EU-Förderung von Embryonenforschung doch ohne Stichtagregelung, London freut sich

Straßburg/Wien - Nach der Entscheidung des Europäischen Parlaments in Straßburg, das sich Mittwoch für die Finanzierung der Forschung an menschlichen Embryonen mit EU-Mitteln ausgesprochen hatte, hagelte es Donnerstag Kritik seitens der Kirche, Grünen und konservativen Politikern. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Tragweite des gefassten Beschlusses um ein Vielfaches größer ist, also zunächst aus Straßburg kolportiert wurde.

Wie berichtet war die von einigen Fraktionen angestrebte Kompromisslösung, dass sich die Förderung ausnahmslos auf Beforschung bereits vorhandene embryonaler Stammzellen beschränkt, verworfen worden: Finanzierungswürdig soll auch die Forschung an menschlichen Embryonen sein, die bei der künstlichen Befruchtung nicht mehr gebraucht und daher eingefroren werden - aus diesen können die Stammzellen hergestellt werden.

Kompromiss

Auch hier wurde auf einen Kompromiss gehofft: Um eine "verbrauchende Embryonenforschung" zu verhindern, sollte dies nur Embryonen betreffen, die vor dem 27. Juni 2002 bereits eingefroren wurden. Doch anders als zunächst kolportiert, findet sich im beschlossenen Papier doch keine Stichtagregelung. Begründung aus Straßburg: "Stichdaten im Bereich Forschung festzulegen heißt, willkürlich die künftige Entwicklung der Forschung zu behindern."

Damit könnten künftig Embryonen mit finanzieller Unterstützung der EU gezielt zur Produktion von Stammzellen gezüchtet und vernichtet werden. Das einzige EU-Land jedoch, in dem dies durch nationales Recht erlaubt ist, ist Großbritannien, das von dem Beschluss am meisten profitieren würde.

Für das österreichische Wissenschaftsministerium ist die Sache aber noch nicht gegessen; Ressortchefin Elisabeth Gehrer hofft auf eine Verlängerung des heuer auslaufenden Finanzierungsmoratoriums. Denn juristisch hat die EU-Parlamentsentscheidung keine Bedeutung; endgültig abstimmen muss der EU-Ministerrat am 27. November oder 3. Dezember.

Gegner der Embryonenforschung

Derzeit gelten neben Österreich auch Deutschland, Italien und Portugal als Gegner der Embryonenforschung, Spanien könnte sich eventuell einreihen. Ob damit eine Mehrheit für ein neuerliches Moratorium zustande kommt, bleibt aber fraglich.

Gottfried Dohr, Institutsvorstand für Embryologie der Uni Graz, machte Donnerstag auf einen wissenschaftlichen Aspekt aufmerksam: "Wenn embryonale Stammzellen an einer Stelle des Körpers außerhalb der Gebärmutter eingebracht werden, wachsen sie unkontrolliert." Dies könne man noch nicht beherrschen, daher erscheine eine klinische Anwendung der umstrittenen Zellen in näherer Zukunft höchst unwahrscheinlich. Im Gegensatz dazu würden ethisch unbedenkliche adulte Stammzellen bereits erfolgreich eingesetzt. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2003)

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    Die unterschiedlichen Regelungssysteme in Europa

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