Anstemmen gegen das Heidi-Klischee

7. Juli 2005, 15:46
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Studien über die Lebenssituation der Jugendlichen am Land

Katrin ist in Waizenkirchen, einem kleinen Ort im oberösterreichischen Bezirk Grieskirchen, aufgewachsen, wo man sich kennt und grüßt. "Heute lebe ich mit meinem Freund in Wien", erzählt die Zwanzigjährige: "Ich genieße die Großstadt mit allen Angeboten genauso wie die erholsamen Besuche zu Hause, wo ein schöner Garten und gutes Essen warten. Eines Tages ziehe ich vielleicht wieder aufs Land."

Urbanisierung

Der Salzburger Kommunikationswissenschafter Kurt Luger stellte in einer Studie über die Lebenssituation der Jugendlichen am Land eine fortgeschrittene Urbanisierung aufgrund von Wirtschaftsentwicklung, Medien und modernen Kommunikationstechniken fest. Diese Urbanisierung zumindest in den Köpfen führte auch zu einer Jugendkultur, die in Vereinen und "Szenen", eigentlich typisch städtischen Erscheinungsformen, ausgelebt wird.

"Die Berglandjugend unterscheidet sich also erheblich von landläufigen Heidi-Klischees, von den rotwangigen Buben und unschuldigen Mädchen der Heimatfilme, die früher in Kinos gezeigt wurden", hält Luger fest.

Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Eine deutsche Studie aus dem Jahre 2001 von Iris Eisenbürger und Waldemar Vogelsang ortet die Landjugendlichen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen Dorfverbundenheit und Mobilität und zwischen örtlichen Vereinen und selbst gewählten Cliquen und Jugendszenen. "Sie müssen sich zum einen mit Traditionen der Elterngeneration und historischen Überbleibseln in ihrer dörflichen Umgebung auseinander setzen - vor allem der sozialen Kontrolle durch Nachbarschaft und dörfliche Öffentlichkeit - und zum anderen mit globalen Veränderungsprozessen, der Dynamik der Arbeitswelt und der medialen Durchdringung des Alltags."

Gemeinsam ist der Jugend überall jedenfalls die Priorität von Freunden und Cliquen und gemeinsamen Unternehmungen. Aber im ländlichen Raum spielen institutionalisierte Formen der Freizeit eine wichtigere Rolle, wobei nach wie vor Sportvereine am beliebtesten sind. Mit deutlichem Abstand folgen Mitgliedschaften in freiwilligen Hilfsorganisationen, Musikvereinen oder kirchlichen Gruppen.

Das Zeitalter nicht hinterfragter Autorität ist auch auf dem Land längst vorbei. Viele Landjugendliche zeigen sich unzufrieden über Arbeitsplatzmangel und Freizeitangebot und einige sind durchaus der Meinung, dass sich das "wahre Leben" in der Stadt abspielt.

Geringe Migrationsbereitschaft und starke Bleibeorientierung

Dennoch stellten sowohl Luger als auch Eisenbürger und Vogelsang geringe Migrationsbereitschaft und starke Bleibeorientierung fest. Die Vorteile der ländlichen Lebenswelt wie Überschaubarkeit, Eingebundensein, intakte Umwelt und Brauchtumspflege überwiegen offenbar die Nachteile. "Die Stereotypen von Landeiern und Dorfdeppen gehören endgültig der Vergangenheit an", meinen Eisenbürger und Vogelsang. "Heute leben Landjugendliche durch erhöhte Mobilität in mehreren Welten, wohnen aber nur in einer." (Nina Brlica/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11 2003)

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