Das Kreuz mit dem lieben Gott

7. Juli 2005, 15:47
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Seit 1990 hat sich die Zahl der jugendlichen Kirchgänger halbiert - Mit Gott haben sie wenig am Hut - Jugendliche als "Religionskomponisten"

Religionen werden als Setzkästen angesehen, aus denen man moralische und ethische Versalien zu individuellen Glaubensrichtungen zusammenfügt.

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Die Klage über die Gottlosigkeit der Jugend war vermutlich eine der ersten, die auf der Welt je gehört wurden - und ist nachdrücklich dokumentiert: Aus keiner Epoche unserer Zivilisation fehlt es an schriftlichen Belegen, dass die Jugend die alten Götter nicht mehr ehre und überhaupt Anstand und Sitte verloren hätte.

Karneval

In diese Rubrik des Jammerns mag der Wiener Religionswissenschafter Adolf Holl erst gar nicht hineingreifen. Was er über die Jahre hinweg an Jugendlichen beobachtet hat, will er in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext gestellt wissen. Dass Religion und Glauben heute einen geringeren Stellenwert haben, sei evident. Eine besondere Spezialität der Jugend sei das allerdings nicht, meint Holl: "In den wohlhabenden Ländern haben wir ja den Karneval zur Regel gemacht. Die Spaßkultur ist eine solche Geschichte, und mein Eindruck ist, dass wir - solange es ökonomisch noch geht - einen Karneval sondergleichen haben. Ein Fest jagt das andere, die Welt als Fest - und in dieser Welt bewegen sich die Jugendlichen natürlich mit Vergnügen. Sie haben ihre Rituale in einer Weise, von der sich das alte Rom nichts hat träumen lassen."

Fluchtbewegung

Die eskapistische Grundtendenz sei dabei ebenso unübersehbar wie die Schwierigkeit der etablierten Kirchen, diese Fluchtbewegung aufzufangen: "Was die Jugendlichen wirklich wollen, ist dem Alltag, der Arbeitsfron und Eintönigkeit zu entfliehen. Dass sie einem Muttergottesbild oder einem Gekreuzigten nichts mehr abzugewinnen vermögen, liegt darin, dass sie ein unglaubliches konkurrenzierendes Angebot zur Verfügung haben, in dem sie sich ausleben können, in dem sie eine Respektlosigkeit zelebrieren können, die in der Tat karnevalesk ist. Die haben eine Hetz', unterhalten sich gern, und das werden sie wohl dürfen, weil so lustig ist das Leben ja auch nicht für sie. Also probieren sie, ihren Spaß zu haben, und der hat natürlich mit der ernsthaften, altreligiösen Kultur nichts mehr am Hut."

Jugend meidet Kirche

Laut der jüngsten Jugend-Wertestudie aus dem Jahr 1999/2000 bezeichnen sich 42 Prozent der Jugendlichen in Österreich als "religiöse Menschen" (1990 waren es noch 51 Prozent). Der Anteil der Jugendlichen, die jeden Sonntag den Gottesdienst besuchen, hat sich von 1990 bis 2000 halbiert. Auch das Bild des christlichen Gottes wird blasser: An die Stelle des Glaubens an einen persönlichen Gott (20 Prozent) tritt die Vorstellung eines unpersönlichen göttlichen Wesens oder eines abstrakten höchsten Prinzips (50 Prozent).

"Religionskomponisten"

Jugendliche würden sich "ihre spirituelle Welt selbst einrichten" - seien "Religionskomponisten", erklärt der Pastoraltheologe Paul Zulehner: "Religiosität ist etwas Eingewobenes in das Grundgefühl des modernen Lebens. Es ist eine Art sanfte Begleitmusik."

"Respekt vor buddhistischen oder hinduistischen Traditionen"

Man orientiere sich an christlichen Traditionsfragmenten, habe aber durchaus auch "Respekt vor den buddhistischen oder hinduistischen Traditionen". Religionskomponisten seien durchaus geneigt zu experimentieren und suchen das spirituelle Abenteuer - im Satanismus oder exotischeren Formen der Esoterik. Die traditionelle Kirche werde als Fremdbestimmung abgelehnt - genauso wie politische Parteien.

Chancen für die Institution Kirche sieht er dennoch: Generell gehe die "Institutionenallergie" langsam zurück, weil die Zahl jener wachse, denen die "hocheinsame Freiheit" zunehmend riskant erscheine. Zulehner weist auch auf eine soziale Komponente hin, die bei zunehmender Entsolidarisierung an Bedeutung gewinnt: "Die Kirche hat nach wie vor die Konotation, dass sie einige unverzichtbare Spielregeln des gesellschaftlichen Lebens erhält - wie zum Beispiel Solidarität." (Samo Kobenter, Peter Mayr/DER STANDARD/Printausgabe, 13.11.2003)

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    foto: heribert corn
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