Das Iglu als Paralleluniversum

17. November 2003, 20:52
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Zum Tod des italienischen Arte-Povera-Künstlers Mario Merz 1925-2003

Mailand - Diesen Sonntag ist Mario Merz 78-jährig gestorben. Im Juli des Jahres konnte er noch einen großen Triumph erleben mit dem Erhalt des japanischen Praemium Imperiale, einer Art Nobelpreis der Kunst. Merz gewann in der Kategorie Skulptur (weitere Preisträger Claudio Abbado, Ken Loach, Rem Kolhaas, Bridget Riley), obwohl er immer schon ein Multikünstler war. Und geprägt von den 60er-Jahren, in denen viele Künstler die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufzuheben trachteten. Merz' Bedeutung für die Kunst des 20. Jahrhunderts ist unbestritten, obigen Preis erhalten Künstler "für ihre Leistungen, für den Einfluss, den sie international in der Kunst ausüben, und für ihre Bereicherung der Weltgemeinschaft". Beteiligungen des Oskar-Kokoschka-Preisträgers 1983 allein bei den Documentas 5, 6, 7, und 9 belegen dies.

Sein Name steht an oberster Stelle in Zusammenhang mit Arte Povera, einer in den 60ern von Germano Celant gefundenen, zuweilen irreführenden Bezeichnung. Ihre Protagonisten charakterisierte die Verwendung "ärmlicher" Materialen. Bei Merz war dies eher die Rückführung zu prähistorischen Existenzformen - mit zwar armen Materialen, aber in selbstbewusster Größe.

Das Iglu, "die gleichzeitig natürliche und synthetische Form mit der größten Oberfläche auf kleinstem Platz" (Merz), blieb zeitlebens Leitmotiv, neben Reisigarbeiten, Tischen und Zahlenreihen. Jene archaische Merz-Form, in Glas oder Reisig, mit gefundenen Materialien oder bemalten Papierbahnen, hat jedes größere Museum dieser Welt kolonisiert.

Zahlenreihen

In Verbindung dazu stehen die oft in Neon am/im Iglu affichierten Fibonacci-Zahlenreihen, 1200 von einem italienischen Gelehrten gefunden. Diese mathematische Reihe, welche spiralförmig Richtung Unendlichkeit wächst, stand bei Merz für die unhierarchische Struktur von Wachstumsenergien. Und auch für seine eigenen, schier unendlichen und oft überraschenden Variationen. Das erste Iglu, 1968, widmete Merz dem Vietkong-General Giap.

Eine ästhetische Bio-Logik entstand schon früh in den 50er-Jahren, als Maler struktureller Blüten und Blätter. Menschen waren in keiner der Arbeiten des in Turin aufgewachsenen, während des Zweiten Weltkrieges wegen antifaschistischer Aktivitäten inhaftierten Kunstautodidakten zu finden.

Medizinstudium-Abbrecher Merz, dessen Vater Motoren für Fiat entwickelte, verstand sich als Maler-Ingenieur: "Ich bin noch formaler als die anderen, die von sich sagen, sie seien formal, weil ich parallele Formen gebrauche. Wenn man Konflikte auslöst, gelingt einem gar nichts mehr. Das führt nur zu unrichtigen Entscheidungen. Es gibt so viele Konflikte, dass sie sich gegenseitig aufheben. Aber an Parallelerscheinungen kann man viele Dinge bemerken."

"Kultivierer der natürlichen unendlichen und armen Kunst" nennt ihn Il Giornale. Mario Merz, der Eigenbrötler, dessen Mundwinkel auf Fotoporträts erschreckend weit nach unten hängen, applizierte häufig die Frage "Che fare?" (Was tun?) in sein existenziell verstandenes Werk, das immer mehr Museumskunst als Privatwohnungsdekor war. Diese Frage bleibt aktuell und wird ihn und sein Werk auf gewisse Weise weiter am Leben erhalten. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2003)

Von
Doris Krumpl
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mario Merz starb an einem Herzinfarkt.

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