Highlight für Lasterhafte

21. März 2005, 13:25
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Hochkultur und ein pulsierendes Nachtleben gibt es in Madrid zu moderaten Preisen. Über Trost und Erbauung berichtet Thomas Trenkler

Also, distinguiert geht es im Café Central nicht gerade zu. Weder liest man Zeitung, noch trachtet man, sich halbwegs leise zu unterhalten. Schließlich ist es weit nach Mitternacht. Aber die Kellner sind von ähnlich ausgesuchter Höflichkeit wie in Wien. Und was sie unter "Gin-Tonic" verstehen, macht dem Begriff "Longdrink" alle Ehre - wenn auch anders, als gedacht: Man hat richtig lange zu trinken. Denn das Halbliterglas füllen sie am Tisch zu gut zwei Drittel mit dem Wacholderschnaps; das kristallklare Destillat zu strecken, erachten sie hingegen nicht als ihre Aufgabe: Das Fläschchen mit belebendem Chinin wird nebenbei einfach nur abgestellt.

In eine sonderbare Welt ist man da geraten: Bis zehn am Abend haben die Boutiquen und Kaufhäuser der Innenstadt (von Zara bis El Corte Inglés) geöffnet, und auch viele Stunden danach herrscht in manchen Straßen ein Treiben wie in Wien nur am Silvesterpfad. Die Zeitverschiebung hat aber noch einen Vorteil: Nachtvögel müssen sich nicht stressen, um im Hotel das Frühstück zu ergattern. Es wird in den späten Vormittag hinein serviert.

Mit Wien ist Madrid dennoch verbunden. Auch wenn's schon lange her ist, dass die Habsburger über Spanien herrschten (von 1516 bis 1700): Philipp II. bestimmte 1561 das damalige Dorf auf der kastilischen Hochebene am linken Ufer eines erbärmlichen Rinnsals, des Manzanares, zum festen Regierungssitz. Die verwinkelte, verhältnismäßig winzige Altstadt der Metropole zwischen der grandiosen Plaza Mayor, einem rechteckigen, geschlossenen Platz mit Arkadengängen (1620 eingeweiht), und der Plaza de la Villa samt Rathaus (als Stadtgefängnis und Konsistorium geplant) heißt daher noch heute das "Madrid de los Austrias".

Die Habsburger haben dort im 16. Jahrhundert zwar ziemlich glücklos agiert, für Spanien war es eine Epoche des Niedergangs. Madrid aber nahm in der Barockzeit einen unglaublichen Aufschwung: Kirchen, Klöster, Paläste wurden errichtet. Und die nachfolgenden Franzosen legten ringsum eine weitläufige Stadt mit eleganten Boulevards wie Prachtbauten an, die jenen in Paris durchaus ebenbürtig sind. Der Palacio Real und die Sabatini-Gärten, die Akademie der Schönen Künste, der Prado (auf einer Wiese, eben einem "Prater", errichtet): Das nennt man das "Madrid de los Borbones".

Dem Nebel von Wien zu entfliehen und Madrid unter blauem Himmel wie in tiefschwarzer Nacht zu erkunden: Das zahlt sich aus. Im wahrsten Sinn des Wortes. Denn Spanien ist im EU-Vergleich spottbillig. Zumal die Umstellung auf den Euro nicht als Vorwand gebraucht wurde, die Preise raufzuschnalzen. Was dazu führt, dass es noch immer recht groteske Beträge gibt. So kostet der Eintritt in den Prado beispielsweise 3,01 Euro, eine Fahrt mit dem Bus 52 Cent. Fast ein Schlaraffenland für Menschen mit Lastern: 1,20 Euro hat man gemeinhin für einen café con leche zu entrichten, 2,65 für ein Päckchen Marlboro, drei bis vier Euro pro Cocktail. Das pulsierende Leben gibt es gratis dazu: Der Taxler brettert mit 160 Stundenkilometern vom Flughafen ins Zentrum (auch bei einer 90er-Beschränkung, dafür kostet der rasante Spaß keine 19 Euro), und wenn es sich wo staut (beispielsweise auf der Gran Vía mit der überwältigenden Casa del libro, mit den vielen Kinos und Jugendstilgebäuden), dann spielen die Hupen Granada.

Aber auch in Madrid kann das Wetter miserabel sein. Regnerisch, kalt, windig, richtig garstig. Schließlich liegt die Stadt rund 650 Meter über dem Meeresspiegel. Dann bietet die Kunst Trost und Erbauung. Die drei wichtigsten Museen liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt: Der Prado, allein schon eine Ganztagesherausforderung, zeigt bis 11. Jänner eine exzeptionelle Édouard-Manet-Retrospektive, die größte seit zwei Jahrzehnten, die viele Hauptwerke versammelt und die Beziehung des französischen Impressionisten zu Spanien, Goya, Velázquez und zum Museum selbst, das er im September 1865 besuchte, herausarbeitet.

Via-a-vis des Prado, im Villahermosa-Palast, ist die Sammlung Thyssen-Bornemisza, ein Abriss der europäischen Kunstgeschichte von der Gotik bis zur Pop-Art, untergebracht: Hier hängt ein Highlight neben dem anderen, lediglich der Schiele ist bloß Durchschnitt. Fast nahtlos an die Sammlung knüpft die Reina Sofía an, das nach der Königin benannte Zentrum für Gegenwartskunst: In einem ehemaligen Spital wandert man wahrlich kilometerlang durch riesige Säle mit Werken von Mario Merz, Bruce Nauman, Yves Klein, Lucio Fontana und natürlich den spanischen Meistern wie Jean Miró und Salvador Dalí - bis man endlich auf Pablo Picassos anklagendes Guernica-Gemälde stößt.

Mit dem Kombiticket "Paseo del Arte" um unglaublich günstige 7,66 Euro findet man Einlass in alle drei Museen. Zum Vergleich: Die Albertina in Wien verlangt happige neun Euro. Eine so genannte "Madrid-Card" zu erwerben, ist daher nicht anzuraten, auch wenn mit dieser theoretisch 40 Museen (vom Real Madrid Pokalsaal über das Stierkampfmuseum bis zur königlichen Goblin-Fabrik) und Sehenswürdigkeiten (wie die restaurierte Ermita de San Antonio de La Florida mit wunderbaren Goya-Fresken) besucht werden können: Es kostet für einen einzigen Tag 28 Euro, für zwei Tage 42 Euro. Natürlich: Man darf damit auch gratis Metro fahren, aber ein U-Bahn-Ticket kostet ohnedies bloß 1,10 Euro. Und für die Sonderausstellung im Königspalast wird keine Eintrittsgebühr eingehoben: Bis 11. Jänner läuft Cortes del Barroco, eine opulente Darstellung barocker Höfe und Herrscher mit vielen Leihgaben des Kunsthistorischen Museums. (Der Standard/rondo/7/11/2003)

Info:

Spanisches Tourismusamt / Turespaña Wien, Walfischgasse 8/14, 1010 Wien,
Tel.: 01/512 95 80 13, Fax: 01/512 95 81,

www.spain.info,

www.turmadrid.com,

www.aua.com,

www.iberia.at,

www.munimadrid.es,

museothyssen.org,

www.museoprado.es,

museo reinasofia.mcu.es

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Palacio Real

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