Ungleich behandelt

30. Oktober 2003, 20:53
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Leserinbrief von Johanna Dohnal betreff des Artikels "Kultursport Kandidaten abnützen"

Das Wiener Volkstheater braucht eine neue Direktionsperson, nun veröffentlichen Medien erste Vermutungen - das ist auch ihre Aufgabe. Namen werden genannt, ihre TrägerInnen eingeschätzt. Aber wie? Im STANDARD sorgt sich Ronald Pohl um eine Desavouierung der gerüchteweise Genannten. Er schreibt von mehreren Favoritinnen, um dann nur eine zu nennen. Diese eine, Andrea Eckert, wird uns als "die eigenwillige Nervenschauspielerin", "die Kapriziöse" und "die Exzentrikerin" näher gebracht - mittels bestimmten Artikels, also als herausragende Trägerin dieser Eigenschaften -, sowie "mindestens als schwierig geltend". Kein Wort davon, dass die möglichen männlichen Mitbewerber Schottenberg und Manker gleichfalls durchaus eigenwillig sind, sonst wird das womöglich auch Andrea Eckert als positiv angerechnet. Stattdessen erhalten die beiden Männer die Prädikate "viel genannt" und "Kraftgenie". Auch eine "umsichtige" politische Unterstützung für Frau Eckert wird behauptet, was wir anscheinend strikt wertfrei zu verstehen haben. Wozu steht es dann hier?

Und kaum lässt uns das noble Verschweigen verwandtschaftlicher Theaterbezüge männlicher Kandidaten auf einen Rest von Sachlichkeit hoffen, wird Andrea Eckerts angeblicher Fürsprecher André Heller als ihr "ehemaliger Lebensgefährte" eingeordnet - was hat der Klatsch hier verloren? Der Titel "Kandidaten abnützen als Kultursport" wird zum Motto eines Wettbewerbs im Desavouieren der einzigen kandidierenden Frau! Weiterhin habe "noch niemand ausmachen können, worin die besondere Qualifizierung von Frau Eckert bestünde". Ach so? Sind Bühnenerfolge und Regiearbeiten völlig irrelevant? War der Schauspieler und Popsänger in Österreichs Regierungsteam derartigem ausgesetzt? Wieso lesen wir anstelle von Herabsetzungen kein einziges Mal fundierte - jobbezogene - Kritik?

Bewirbt sich also eine Frau für eine leitende Tätigkeit, dann sollte sie das offenbar nie zum ersten Mal tun. Männer dürfen kreuz- und quereinsteigen, Frauen aber sollten wohl am besten schon als Direktorinnen geboren sein. Wie überall ist auch im Kulturbereich die Kultur der Gleichbehandlung unterentwickelt.
Johanna Dohnal
Bundesministerin a. D. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Fr./Sa./So., 31. Okt./1./2. November 2003)

Kultursport Kandidaten abnützen"
von Ronald Pohl, DER STANDARD, 24. 10. 2003
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