Letzter Weg von Günter, Herbert und Alfred

28. Oktober 2003, 19:07
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Von Wien nach Brandenburg: NS-Opfer bestattet

Ein paar Sonnenstrahlen fallen durch das Blätterdach auf drei runde Holzbehälter, die auf einem mit einer roten Samtdecke bedeckten Tisch mitten im Park stehen. Rund 70 Menschen haben sich am Dienstag auf dem Gelände der Landesklinik Brandenburg-Görden eingefunden, um "Herbert, Günter und Alfred auf ihrem letzten Weg zu begleiten", so der evangelische Generalsuperintendent Hans-Ulrich Schulz.

Die Überreste von Herbert, Günter und Alfred K. haben einen langen Weg hinter sich. Sie sind drei von rund 1700 Kindern, die hier in der Landesanstalt Görden in Brandenburg an der Havel zwischen 1938 und 1945 gestorben sind. Sie alle waren psychisch krank. Alfred, Günter und Herbert - zwei Brüder und ihr Cousin - litten unter einer seltenen Erbkrankheit und wurden, wie Nachforschungen belegen, im Alter von sieben, zwei und einem Jahr umgebracht, weil ihre Gehirne für Forschungszwecke "von besonderem Wert" waren, so der Präsident des Landesamtes für Soziales, Paul Meusinger, bei der Gedenkveranstaltung.

Die am Euthanasieprogramm beteiligten Mediziner arbeiteten nach 1945 weiter und nahmen die Präparate mit. An der Universität Gießen waren die Hirnpräparate der Buben K. für den österreichischen Neuropathologen Franz Seitelberger das Forschungsobjekt für seine Habilitation. Seitelberger, der später Vorstand am Neurologischen Institut der Universität Wien und Rektor der Uni sowie Direktor des Institut für Hirnforschung der Akademie der Wissenschaften wurde, durfte die Präparate behalten. Er nahm sie mit nach Wien.

Als die Präparate der berüchtigten NS-Kinderabteilung "Am Spiegelgrund" gefunden wurden, waren darunter auch jene der Buben K. Herbert Budka, Leiter des klinischen Instituts für Neurologie der Universität Wien wandte sich im November 2001 an deutsche Kollegen und schlug "eine würdige Bestattung der Hirnteile in Deutschland" vor. Die anderen Opfer wurden im April 2002 am Wiener Zentralfriedhof bestattet.

Das Gefühl, "wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen", spricht der evangelische Geistliche an und damit allen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung - unter ihnen Brandenburgs Gesundheitsminister Günter Baaske - aus der Seele. "Auch wenn wir sie nicht gekannt haben, so sind wir doch mit ihnen verbunden, weil wir an ihre Geschichte denken." Keiner der Verwandten ist bei der Zeremonie. Die Schwester hat erst vor kurzem von einem Journalisten erfahren, dass sie zwei Brüder hatte.

Der Generalsuperintendent mahnte, dass es kein "unwertes Leben" geben dürfe: "Wir sind nicht immun, weil wir die Nachgeborenen der Nazitäter sind." Als die drei Holzbehälter im Erdloch verschwinden, murmelt er leise: "Sie sind in Frieden, endlich."(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2003)

Von Alexandra Föderl-Schmid aus Brandenburg-Görden
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