"Nacktheit ist ein tolles Gefühl!"

27. Oktober 2003, 18:51
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Andreas Felber

Wien - "In den ersten Monaten hatte ich gewisse Probleme mit Wien. Etwa, dass man im Kaffeehaus vom Kellner wie ein Stück Dreck behandelt wird. Ich beging den Fehler, das persönlich zu nehmen. Heute schätze ich die Ruhe der Stadt. Und es gibt kaum Fahrscheinkontrollen."

Es ist die Frage, die Rebekka Bakken zurzeit immer wieder beantworten muss: wie denn das zusammengehen könne - einerseits Wien, das die zuvor in New York ansässige Norwegerin vor eineinhalb Jahren als Wohnsitz auserkor; andererseits die internationale Karriere. Dass die 33-Jährige, die durch ihre Zusammenarbeit mit Gitarrist Wolfgang Muthspiel bekannt wurde, vor einer solchen steht, daran besteht kein Zweifel. Erntet sie doch gegenwärtig für ihr CD-Debüt The Art of How To Fall Lob aus allen Richtungen.

Es ist eine Platte, die sich vordergründig durchaus im Kontext des skandinavischen Vokaljazz-Booms betrachten lässt, der in Europa vor einigen Jahren losgebrochen ist. Susi Hyldgaard, Silje Nergaard oder Beady Belle alias Beat S. Lech sind einige der Kolleginnen, zu denen Bakken in unmanierierter Klarheit stimmliche Verwandtschaft erkennen lässt, auch wenn ihr diese Namen zumeist wie Vergleiche mit Joni Mitchell oder Dusty Springfield nur ein Achselzucken abnötigen.

"Für Kinder in Norwegen ist Singen eine Selbstverständlichkeit. Es geht dabei nicht darum, ein großartiger Sänger zu sein. Möglicherweise ist deshalb weniger Druck da, der die Lust daran bremst", sucht Bakken nach einer möglichen Erklärung. Und ergänzt in Bezug auf sich selbst: "Ich sang Volkslieder, Kinderlieder, Kirchengesänge, die ich musikalisch noch immer schätze." Was aber Bakken vor allem hervorstechen lässt, sind ihre Texte: Poeme, in denen sie sich in hemmungsloser Subjektivität und Offenheit in tief schürfender Introspektion übt; in denen helle und dunkle Kapitel ihrer Vita - über Selbstfindung, Todessehnsucht und Lebensbejahung - kaleidoskopartig wechseln.

"I'm gonna lay this body down / cover me with snow": Das sind Zeilen bar jeder Koketterie, die Gänsehaut verursachen. "Man kann in mir wie in einem offenen Buch lesen. Nacktheit ist ein tolles Gefühl, weil es keine Versteckspiele mehr gibt - und keine Scham mehr", sagt Bakken.

Selbsttherapie

Singen als kathartischer, selbsttherapeutischer Akt. Was Bakken dabei auszeichnet, ist der Umstand, dass ihre Seelenstrips nicht in versponnener Egozentrik enden, sondern in der ungeschminkten Diktion der Texte Saiten zum Schwingen bringen, von denen der Hörer vergessen hat, dass sie überhaupt da sind.

Biografische Authentizität bedeutet in Rebekka Bakkens Fall eindringliche Glaubwürdigkeit - auch in der Kunst des Loslassens, von der das Titelstück The Art of How To Fall kündet. Bakken: "Ich versuche, die Dinge aus mir herausfließen zu lassen, ohne darüber nachzudenken. Früher hatte ich oft Ziele: bekannt zu werden, mit dem Rauchen aufzuhören - was auch immer. Ich habe die Ziele nicht erreicht - und mich deshalb nur schlechter gefühlt. Heute sage ich: Fuck the goals! Der Moment zählt." Wie Bakken dies im Lichte ihres zunehmenden Erfolgs sieht? "Ich freue mich, dass ich mir dadurch eine neue Waschmaschine leisten kann. Erfolg wird nie Teil meiner Identität sein."

Konzerte: 28. 10., Wien 1, Porgy & Bess; 29. 10., Innsbruck, Treibhaus

Die norwegische Sängerin Rebekka Bakken startet von Wien aus eine Solokarriere: Mit dem Debüt "The Art of How To Fall" verstärkt sie den skandinavischen Stimmenboom der letzten Jahre.
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