Der alte Punk und sein Mehr

2. November 2003, 21:54
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Er ist noch immer der Meister aller Klassen: Bob Dylan spielte in Graz auf

Bob Dylan entsetzte am Sonntag sein treues Publikum in der furchtbaren Raumakustik der Grazer Eissporthalle mit heftigem Punk-Blues und dem geisterhaften Gebell eines streunenden Straßenhundes. Ein Konzert des Jahres.


Graz – "Bitte nie sagen: 'Das ist langweilig, das kenne ich schon.' Das ist die größte Katastrophe! Immer wieder sagen: 'Ich habe keine Ahnung, ich möchte das noch einmal erleben.'" Heinz von Foerster, Kulturphilosoph (1911–2002)

Große Namen, schwere Geschütze. Es gibt nicht wenige seiner treuesten Hörer, die wollen sich bei Konzerten von Bob Dylan am liebsten in jene Zeit zurückversetzen, in der all diese dringenden Texte und dringlichen Klänge zum ersten Mal auf ein Publikum prallten. Wie Nick Hornby in seinem musikalischen Erinnerungsband 31 Songs schreibt: Was muss das für ein atemberaubendes Gefühl gewesen sein, als etwa die höhnische und in Graz im Zugabenteil ausgespuckte Abrechnung Like A Rolling Stone 1965 das erste Mal in die Welt kam?! Aufruhr, Ekstase, Revolte! Diese Musik hat einmal die Welt verändert.

Heute zählen Lieder wie dieses zur Freizeitgestaltung der Generation Toskana: gepflegter Wein, gepflegtes Essen, gepflegte Gespräche, gepflegte Protestkultur. Das alles ist Schnee von gestern und zählt zu einem Kanon, den man nur schwer kaputtschießen kann. Wo man aber nichts kaputtschießen kann, tut man sich mit dem Aufbau von Neuem bekanntlich schwer. Aus einem Heldenleben erwächst ein Denkmal – dann kommt der Denkmalschutz.

Bob Dylan oben auf der Bühne hat es also unendlich viel schwerer als sein Publikum. Vor allem auch: Er hat es wegen seinem Publikum so schwer. Wenn der Denkmalschutz nämlich sagt, das gehört nicht weg, das gehört gepflegt, dann muss das Denkmal sich zur Not selber einreißen, damit Platz frei wird für frische Luft und neue Aussichten. Steine sind zum Rollen da, nicht für gemeißelte Denkerposen.

Bob Dylan steht also in Graz auf der Bühne einer miesen kleinen Sporthalle mehr in seinem Leben. Bei miesem Sound rotzt und bellt er sich vor alten Leuten, die er schon zu oft in seinem Leben bei seinen Konzerten in der ersten Reihe gesehen hat und die seine Texte grundsätzlich immer besser können als er selbst, in einen 17 Nummern langen Abend: "I've had too much of your company, says Tweedle-dee Dum to Tweedle- dee Dee ..."

Scheitern als Sieg

Er bemüht sich über einem E-Piano in Angriffshaltung lauernd mit großem Furor, den man auch als Altersstarrsinn deuten könnte, dass alles noch einmal so wird wie früher. So wie früher, also großgoschert, zynisch, arrogant, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund und dabei unglaublich poetisch – das geht nur, wenn man nicht nostalgisch wird. So wie früher, das geht nur, wenn man so tut, als ob es früher gar nicht gibt.

Was hilft es, wenn die Gesundheit nicht mehr mitmacht, die Kälte wegen dem frühen Winter in die müden Knochen fährt und ganz Graz heute gleich mit im Keller ist zum Lachen? Es hilft nichts. Und es ist ja auch nichts, was man nach Hause schreiben könnte. Rauf auf die Bühne und hau weg. Wer in diesem Geschäft so lange überleben will und kann, ohne dabei wirklich großen Schaden an Leib und Seele zu nehmen, der hat schon fast gewonnen. Auch wenn der Sieg anfangs schwer nach Scheitern klingt.

Schon das erste Lied ist ein Schlag ins Gesicht: To Be Alone With You. Nicht nur, dass Dylan heute außer bei drei Songs auf seine geniale dekonstruktivistische Stromgitarrenbehandlung verzichten wird. Bei Don't Think Twice, It's Alright, Watching The River Flow und dem brutalen Cold Irons Bound rumpelt es dafür heftig. Dylan steht auf dieser mehrwöchigen Europatournee lieber hinter dem elektrischen Klavier und wirft sich mit der ganzen verbliebenen Kraft seines mit 62 zunehmend ausgezehrten Körpers gegen, nicht in seine Lieder.

Er setzt sein Piano mehr im Sinne von öffentlicher Intervention denn als die Songs stützendes Instrument ein. Und er verschafft seiner Begleitband nach langen Jahren, die diese im Dämmerzustand ehrfürchtiger Zurückhaltung verbrachte, endlich wieder Freiraum. Den nutzt diese, um dank dem dazu konterkarierenden Hackfinger Dylan heftig abzurocken und eben auch trotz kitschiger Mandolinen- Attacken teilweise im verqueren und vertrackten Sinne eines Cpt. Beefheart den Punk zu bluesen.

Selbst bei im Themenblock abgeschossenen Verweigerungsklassikern It's All Over Now, Baby Blue, It Ain't Me, Babe oder It's Alright, Ma (I'm Only Bleeding) ergeben sich hier neue reizvolle Aspekte. Gesanglich war der Meister zumindest an diesem Tag reizvoll tonlos irgendwo zwischen chronischem Raucherhusten und Straßenhundgebell unterwegs, was dem dahingerotzten Wortschwall von The Lonesome Death Of Hattie Carroll oder Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again einen bedrohlichen Geisterreiter-Beigeschmack verlieh.

Dylan auf Erkundungsgang im Spukschloss seiner selbst. Der Mann, dessen Schatten schneller schießt als er selbst. Das Publikum war teilweise entsetzt. Und Dylan wieder einmal der Jüngste im Saal.

Das war am Sonntag in Graz. Am Montag in Wien sind die Karten dann neu gemischt worden. Einsatz pro Spiel: das eigene Leben. Bei den Konzerten herrscht striktes Fotoverbot. Er hat sich selbst noch kein Bild von sich gemacht. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2003)

Von
Christian Schachinger

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Bob Dylan

  • Artikelbild
    foto: don hunstein/bob dylan
  • Man soll sich kein Bild von jemandem machen, der selber noch kein festes von sich hat: Bob Dylan lässt sich auf Tour nicht mehr fotografieren. Dies gilt auch für Graz.
    foto: don hunstein/bob dylan

    Man soll sich kein Bild von jemandem machen, der selber noch kein festes von sich hat: Bob Dylan lässt sich auf Tour nicht mehr fotografieren. Dies gilt auch für Graz.

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