Frisch gestohlen ist halb gewonnen

26. Oktober 2003, 21:26
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The Strokes aus New York veröffentlichen mit "Room On Fire" das zwingendste Rockalbum des Jahres

Zwar wird hier nichts neu erfunden. Dafür versteht sich das Quintett ausgezeichnet darauf, rotzfrech und ohne Genierer alte Vorbilder zu bestehlen.


"I want to be forgotten, and I don't want to be reminded. You say please don't make this harder. No, I won't yet." Ist es das? War es das, wie das Debüt der New Yorker Rockretter und -erneuerer vor zwei Jahren etwas gar zu kokett fragte? Man muss jetzt endlich ein wenig Abbitte leisten. Das Quintett um Sänger Julian Casablancas und Gitarrist Albert Hammond Jr. wurde 2001 aufgrund seiner allzu offensichtlichen Verweise auf historische Quellen eines imaginären und in den späten 70er-Jahren verhafteten New Yorker Sounds an dieser Stelle damals zwar als ambitionierte, aber dennoch austauschbare Kopisten-Partie verurteilt. Immerhin lagen die Songs des Debüts Is This It? mehr als eindeutig auf der exakten Nachahmungslinie von originären Ahnen wie Velvet Underground, Television oder Richard Hell & The Voidoids.

Dank einer bald um sich greifenden Bewegung hin zur Rückkehr von computergenerierter Musik zu den strikt analog und vorzugsweise live erzeugten Klängen einer rüde geschlagenen und angezerrten Stromgitarre in Verbindung mit einem verkaterten, gelangweilten und zart arrogant im Eintonbereich intonierenden Sänger hat sich dieses Konzept allerdings längst als haltbarer und konsenstauglicher erwiesen, als es eine anfangs nur als weitere unter vielen vermutete Retrowelle erahnen hätte lassen.

The Strokes nämlich haben, das belegt das jetzt vorliegende zweite Album Room On Fire, tatsächlich das Zeug, mit ihren rotzigen und knapp wie verächtlich gegenüber Zweiflern gehaltenen Song-Behauptungen bestehen zu bleiben. Sie standen und stehen als noch dazu für das Rockgewerbe unschicklich gehaltene Söhne aus bestem Hause damals am Anfang einer bald einmal zu einer homogenen Bewegung zusammengezwungenen "Bewegung", die nicht nur das Genre der seit den späten 70er-Jahren vergessenen "The-Bands" wiederbeleben sollte - in der heute noch Äpfel mit Birnen verglichen und AC/ DC-Kopisten wie die neuseeländischen The Datsuns mit den schwedischen Neo-Mod-Punks The Hives in einen Topf geschmissen werden. Sie stehen nach wie vor auch für die ausgemachte und programmatische Frechheit der Jugend. Punk und Punkt.

Wenn man sich die neuen Songs anhört, die nach den strengen Vorgaben der Heimatstadt nun auch durchaus Ausflüge zu alten britischen Größen aus den 70er-Jahren wie The Clash oder The Buzzcocks unternehmen oder in ihrer fröhlich-kaputten Mitsingbarkeit bei schroff gehackten Rhythmusgitarren und Blechdosen-Schlagzeug auf die irischen Undertones verweisen: Als fünftes Rad am Wagen der Musikgeschichte kann man mit Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren und Megaphon-Gesang zwar nicht mehr die sechste Gitarrensaite neu erfinden. Dank der regelmäßig spätestens alle zehn Jahre ausgetauschten Hörerschaft im Pop und Rock geht das aber zu aller Zufriedenheit durch.

Neue Lieder wie das hitverdächtige Meet Me In The Bathroom, das wuchtig nach vorn drängende The Way It Is oder die aktuelle Single 12:51 mit ihrer möglicherweise sogar bei Nenas 99 Luftballons abgeschauten Lalelu-Nettigkeit zeigen jedenfalls eines: Die vielbeschworene Rückkehr alter Zeiten, inklusive ausgelatschter Turnpatschen, verbeulter Cord-Sakkos, zerrissener Jeans und vom Papa geerbter Lederkrawatten zu T-Shirts von Ghostbusters bei der Eröffnungsfeier der kolumbianischen Kulturwochen in der Winterlandschaft des Tompkins Square nahe der vierten Straße Downtown in Manhattan, sie klingt ziemlich sexy. Das Langzeitgedächtnis allerdings muss man entweder aufgrund Jugend oder fortgeschrittenen Alters ausblenden. Des Kaiser neue Kleider stellen ja nicht die Rolle des Kaisers in Frage, sondern nur seinen Habitus. Hallo, hallo, meiner Seel', Rock'n'Roll wird nie nicht sterben!
(DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2003)

Von
Christian Schachinger
  • The StrokesRoom on Fire
 
(RCA)
    foto: rca

    The Strokes
    Room on Fire
    (RCA)

  • Artikelbild
    foto: rca
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