Die Stadt und die Vielfalt des Kotes

27. Oktober 2003, 11:08
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Fachdiskussion über Tiere im Stadtraum beim internationalen Abfallwirtschafts - Kongress in der Wiener Hofburg

Wien - J. Michael Drewry hat es weniger mit den lieben Tauberln zu tun - sondern mit Seemöwen. Und die sind für ihn ein Problem. "Ein nationales Problem", wie der Leiter der Umweltabteilung der Stadt Edinburgh beim internationalen Abfallwirtschaftskongress in der Wiener Hofburg erläuterte. Denn es gebe kein spezifisches Gesetz, mit dem das Entfernen von Möwennestern angegangen werden könnte. Verboten ist es in der schottischen Stadt lediglich, lebenden Wildtieren etwas anzutun.

Das Nester entfernen aber können nur Hausbesitzer freiwillig tun - also integrierte die Kommune einen entsprechenden Aufruf in ihre große Kot-Kampagne. Mit mehr als 150.000 Euro die größte Informationskampagne von Edinburgh. Hundebesitzer wurden aufgefordert: "Bag it and bin it." An Hausbesitzer wurde appelliert, die Möwen ihrer Heimstätten zu berauben. Mit gutem Erfolg beim Hundekot (minus 15 Prozent) - und mäßigem bei den Hausbesitzern. Die Möwen werden jetzt gerade einmal "als Umweltproblem erkannt".

"Obdachlose" Tauben

Tauben sind aber etwas anderes. Und um die kümmert sich - in Deutschland - Christiane Baumgarti-Simons vom Bundesverband Menschen für Tierrechte. Die Zeiten der 70er Jahre sind für sie zum Glück vorbei, als etwa in Basel die Tauben zum Abschuss frei gegeben wurden. Jetzt ist es ein anderes Basler Modell, das Baumgarti-Simons propagiert - und als "integratives Gesamtkonzept" bereits in 16 deutschen Städten umgesetzt hat. So etwa in Hannover, Hamburg, Köln und Pforzheim. "Es gibt aber noch keine Stadt, wo es gelang, die gesamte Population unterzubringen", bedauert die Tierschützerin.

Betreutes Wohnen

Das System ist schlicht und einfach jenes, das auch die Grünen für Wien fordern - und das auch schon vor Jahren von der FPÖ propagiert wurde: Betreutes Wohnen für Tauben (DER STANDARD berichtete). Es handelt sich um Taubenhäuser, die an öffentlichen Orten aufgestellt werden, in denen die Tauben nisten, Eier durch Gips-Attrappen ersetzt werden und "wenn es angezeigt ist auch der Tierarzt gerufen werden kann".

Die Argumente für dieses Angebot an Stadttauben: Die Population wird deutlich begrenzt - und 80 Prozent des Kotes bleiben im Schlag und können von dort entsorgt werden. Die Betreuung der Schläge können übrigens auch ehrenamtliche Taubenwarte übernehmen. Und die finden sich immer in der Stadt.

Der Wiener Pferdeapfel

Der Wiener Beitrag zu dieser Diskussion über die Vielfalt des animalischen Kotes im Urbanen: Der Pferdeapfel. Zugegeben, das Problem war schon einmal ein größeres. Als um 1900 die Wiener Pferdepopulation noch 42.000 Tiere betrug und 1000 Fiaker unterwegs waren. In letzten Jahren wurden noch 2000 Stadtpferde und 142 Fiaker gezählt - aber die hinterlassen immer noch genug zu putzen.

Josef Thon von der MA 48 präsentierte daher das System der neuen Wiener "Pferdewindel" - auch "adaptiertes Hinterzeug" beziehungsweise "Pooh-Bag" genannt. Dazu die neue Fiaker-Verordnung unter anderem mit verpflichtender "Kotauffangvorrichtung" und Pferde-Chippflicht.

Dass diese Vorschriften entsprechend kontrolliert werden müssen, ist für Thon auch klar. Die ersten Fiaker-Planquadrate wurden bereits durchgeführt. Denn: "Ein Gesetz ohne Strafe ist wie eine Glocke ohne Klöppel." (Roman Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2003)

  • Der Wiener Beitrag zur Diskussion über die Vielfalt animalischen Kotes: der Pferdeapfel - die MA 48 präsentierte das System der Wiener "Pferdewindel"
    foto: der standard/cremer

    Der Wiener Beitrag zur Diskussion über die Vielfalt animalischen Kotes: der Pferdeapfel - die MA 48 präsentierte das System der Wiener "Pferdewindel"

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