Auch EU prüft möglicherweise Fusion AOL/Time Warner

17. Jänner 2000, 08:59

Experten schließen Trend zu Nachahmungen in Europa nicht aus

Frankfurt/Main - Außer der US-Kartellbehörde wird möglicherweise auch die EU die geplante Fusion des Mediengiganten Time Warner und des weltgrößten Onlinedienstes AOL prüfen. Angesichts der Umsätze der beiden Großunternehmen gehe er vorerst davon aus, sagte Wettbewerbskommissar Mario Monti gegenüber der "Welt am Sonntag". Da die beiden aber schwerpunktmäßig in verschiedenen Märkten operierten, stelle sich die Frage, wie die Fusion zwischen einem "Torwächter" des Internets und einem der stärksten Anbieter in der Medienbranche wettbewerbsrechtlich zu beurteilen sei. Die EU werde eng mit den US-Behörden zusammenarbeiten.

Monti sagte, es sei gut vorstellbar, dass europäische Unternehmen nunmehr ähnliche Verbindungen eingingen, zumal steigende Aktienkurse solche Megafusionen erst finanzierbar machten. Über in Frage kommende Firmen könne man allerdings nur spekulieren. Generell beklagte er, dass in Europa der Trend zu Zusammenschlüssen wachse, die den Wettbewerb beeinträchtigten. Die EU-Kommission habe 1999 fast doppelt so viele Prüfungsverfahren einleiten müssen wie 1998.

Die Fusion Time Warner/AOL konfrontiere die Filmbranche mit neuen erdrutschartigen Veränderungen, erklärte Karl Ulrich von der Unternehmensberatung Roland Berger am Samstag beim 25. Filmgespräch der CSU in München. Man müsse darauf reagieren, dass das Internet ein echtes Massenmedium werde und sich neue Machtstrukturen in der Filmwirtschaft aufbauten. In der Branche stehe eine Konzentration auf Global Players bevor, die den gesamten Wertschöpfungsprozess von der Produktion über Verleih bis zu Nebenrechtsverwertungen kontrollierten.

Telekom-Chef Ron Sommer strebt nach eigenen Worten keine Fusion mit einem großen Medienunternehmen an. Er sagte dem Münchener Nachrichtenmagazin "Focus", die konzerneigene T-Online werde weiter mit mehreren Lieferanten multimedialer Inhalte zusammenarbeiten. Das Unternehmen habe große Partner wie etwa Disney.

Der Medienriese Bertelsmann kündigte als Reaktion auf die Fusion Time Warner/AOL verstärkte Investitionen an. In den nächsten Monaten werde man ein großes Musikunternehmen kaufen, sagte Vorstandschef Thomas Middelhoff dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Seinen 0,7-Prozent-Anteil an AOL will Bertelsmann dem Magazin zufolge nun doch verkaufen. Auch der Bertelsmann-Anteil an AOL Europe im Wert von über 20 Milliarden Mark (10,23 Mrd. Euro/140,8 Mrd. S) könne verkauft werden, schrieb das Magazin. Ron Sommer habe bereits Interesse gezeigt. (APA)

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