Forscher lassen Nerven wachsen

27. Oktober 2003, 17:34
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Neurologe Werner Poewe im Gespräch mit Andreas Feiertag

STANDARD: Alzheimer und Parkinson sind die häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen. Standardtherapie zielt darauf ab, mit Arzneien Symptome zu lindern. War's das?

Poewe: Nein. Man forscht derzeit nach den Ursachen, den auslösenden Faktoren, um endlich Therapien zu entwickeln, die nicht wie bisher nur Symptome lindern, im Idealfall beseitigen, sondern die auch protektiv wirken.

STANDARD: Und wie sieht es mit der Stammzelltherapie aus, die zumindest bei Parkinson-Mäusen sensationelle Erfolge verbucht haben soll: Eine Chance auch für Menschen?

Poewe: Damit ist sicher eine Chance auch für Menschen gegeben. Ich persönlich glaube aber, dass Patienten viel früher von Ergebnissen und Erfolgen der Neuroprotektion profitieren werden. Also der gezielten Interaktion mit den molekularen Mechanismen, die bei Parkinson, Alzheimer und anderen neurodegenerativen Erkrankungen zum Zelltod führen. Kombiniert mit Frühdiagnosemodellen wird man so recht bald das Ausbrechen der Krankheiten noch weiter hinauszögern können. Auf diesem Gebiet sind wir viel näher am Menschen als mit der Zellersatztherapie, den Stammzellen.

STANDARD: Wo ist das Problem?

Poewe: Die Stammzelltherapie soll den symptomatischen Effekt von Medikamenten erreichen, bei Parkinson etwa die verlorene Fähigkeit zur Produktion des Nervenbotenstoffes Dopamin zurückgeben. Sie muss aber auch neuronale Verknüpfungen wiederherstellen, die Verbindung der hintereinander geschalteten Nervenzellen restaurieren. Entsprechende Versuche waren bisher ziemlich enttäuschend. Die Stammzellen haben zwar Dopamin produziert, die Befindlichkeit der Patienten aber nicht verbessert.

STANDARD: Sie erwähnten neuronale Verknüpfungen. Es gibt Wachstumsfaktoren, die Nerven samt ihren Hüllen wieder zusammenwachsen lassen, bei Handtransplantationen etwa. Könnte das auch im Gehirn funktionieren?

Poewe: Es funktioniert vielleicht besser, als wir glauben. Es gab lange das Problem, dass man die Wachstumsfaktoren entweder nicht an den Zielort brachte oder dass sie so schnell vom Körper abgebaut wurden, dass sie nicht wirken konnten. Hier zeigt nun aber die Gentherapie viel versprechende Ansätze: Mit entschärften Viren als Transportmittel bringt man die wachstumsfördernden Proteine an den Zielort. Und was man noch macht: Man implantiert Minipumpen ins Gehirn, die dort Wachstumsfaktoren freisetzen. Nach den ersten Versuchen darf man heute sagen: Es scheint zu funktionieren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 10. 2003)

ZUR PERSON:
Werner Poewe ist Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie und Präsident der erst vor drei Jahren gegründeten Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN).
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